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Medikamente: Missbrauch und Abhängigkeit
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Missbrauch und Abhängigkeit

2011 wurden in Deutschland knapp 1,4 Milliarden Arzneimittelpackungen verkauft, von denen etwa 50 Prozent nicht rezeptpflichtig waren. Vier bis fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel besitzen ein Missbrauchs- und bzw. oder Abhängigkeitspotenzial, darunter vor allem die verschreibungspflichtigen Schlaf- und Beruhigungsmittel.

Unterschied Nicht-bestimmungsgemäßer Gebrauch / Missbrauch / Abhängigkeit

Grundsätzlich werden folgende Formen der missbräuchlichen Anwendung von Fertigmedikamenten unterschieden:

  • Nicht-bestimmungsmäßiger Gebrauch
  • Schädlicher Gebrauch bzw. Missbrauch
  • Abhängigkeit

Der nicht-bestimmungsgemäße Gebrauch wird von den Konsumenten als hedonistischer Konsum („Spaßkonsum“) betrieben, ohne dass Hinweise auf einen Missbrauch oder eine Abhängigkeit bestehen. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass auch bei einem hedonistischen Konsum bereits unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) auftreten können.

Für den Missbrauch geben allgemein anerkannte Diagnose-Klassifikationssysteme die folgenden konkreten Kriterien an, die zur Diagnostik erfüllt sein müssen:

Ein unangepasstes Muster von Substanzgebrauch führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden, wobei sich mindestens eines der folgenden Kriterien innerhalb desselben Zwölf-Monats-Zeitraums manifestiert:

  1. Wiederholter Substanzgebrauch, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt (z.B. wiederholtes Fernbleiben von der Arbeit oder schlechte Arbeitsleistungen in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch, Schulschwänzen, Einstellung des Schulbesuchs oder Ausschluss von der Schule in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch, Vernachlässigung von Kindern und Haushalt).
  2. Wiederholter Substanzgebrauch in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann (z.B. Alkohol am Steuer oder das Bedienen von Maschinen unter Substanzeinfluss).
  3. Wiederkehrende Probleme mit dem Gesetz in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch (z.B. Verhaftungen aufgrund ungebührlichen Betragens in Zusammenhang mit dem Substanzgebrauch).
  4. Fortgesetzter Substanzgebrauch trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen der psychotropen Substanzen verursacht oder verstärkt werden (z. B. Streit mit dem Ehegatten über die Folgen der Intoxikation, körperliche Auseinandersetzungen).

Die Symptome haben niemals die Kriterien für Substanzabhängigkeit der jeweiligen Substanzklasse erfüllt.

Die sichere Diagnose Abhängigkeit sollte nur gestellt werden, wenn irgendwann während des letzten Jahres drei oder mehr der folgenden Kriterien vorhanden waren:

  1. Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren.
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit bzgl. des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums.
  3. Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden.
  4. Nachweis einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrige Dosen erreichten Wirkungen der psychotropen Substanz hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich.
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen.
  6. Anhaltender Substanzgebrauch trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Substanzkonsums oder drogenbedingte Verschlechterung kognitiver Funktionen. Es sollte dabei festgestellt werden, dass der Konsument sich tatsächlich über Art und Ausmaß der schädlichen Folgen im Klaren war oder dass zumindest davon auszugehen ist.

Der Abhängigkeit geht in der Regel ein Missbrauch voraus, wohingegen ein Missbrauch nicht zwangsläufig in eine Abhängigkeit mündet.

Häufig wird eine Medikamentenabhängigkeit von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen. Zum einen, weil Medikamente mit Missbrauchs- bzw. Abhängigkeitspotenzial unter die Verschreibungspflicht fallen und somit eine Verordnung durch einen Arzt erfolgen muss (der Betroffene sieht mit einer Verordnung die Einnahme als begründet). Zum anderen erleichtert der Zugang (z.B. über das Internet bzw. die Apotheke) die unkontrollierte und nicht-bestimmungsgemäße Anwendung von Medikamenten. Gerade freiverkäufliche bzw. apothekenpflichtige Medikamente, wie Nasentropfen und -sprays, Abführmittel oder Schmerzmittel, die keine körperlichen Entzugserscheinungen auslösen, besitzen ein hohes Potenzial, nicht bestimmungsgemäß angewendet zu werden.  Betroffene können diesen Fehlgebrauch oft nicht als solchen wahrnehmen oder erkennen.

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