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Arzneimittel im Alter

ufgrund der demographischen Entwicklung (höhere Lebenserwartung der Bevölkerung und gleichzeitig rückläufige Geburtenrate) wird im Jahr 2060 jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein. Die Anzahl der über 80-Jährigen wird von heute vier auf über zehn Millionen Menschen ansteigen. Mit dem Alter nimmt bei vielen Menschen auch die Anzahl chronischer Erkrankungen zu. Diese sind neben dem chronischen Rückenschmerz, Arthrose und Diabetes mellitus vor allem Herz-Kreislauferkrankungen wie Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung und Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Hinzu kommen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Abhängigkeiten.

Ein älterer Mensch wird durchschnittlich von vier Ärztinnen bzw. Ärzten behandelt. So kommen nicht nur häufige, sondern auch eine Vielzahl unterschiedlicher Verordnungen aufgrund der vorliegenden Erkrankungen zustande.

Neben der Gefahr von Wechselwirkungen der Medikamente untereinander spielt auch das Alter eines Menschen eine wichtige Rolle, wenn es um das Arzneistoffverhalten im Körper geht.

So ist beispielweise die Aufnahme der Wirkstoffe etwas verringert, da sich der Magen bei älteren Personen nicht mehr so schnell bewegt. Dementsprechend gelangt der Arzneistoff langsamer in den Darm, von wo aus er dann in den Blutkreislauf gelangt. Noch wichtiger als die Aufnahmegeschwindigkeit ist jedoch die anschließende Verteilung im Körper. Die Menge an Körperwasser und Körperfett spielt - wie bei Kindern - eine entscheidende Rolle. Der Anteil des Gesamtkörperwassers nimmt zwischen dem 20. und 80. Lebensjahr um ca. 10 bis 20 Prozent ab, auf der anderen Seite steigt der relative Fettanteil. Fettlösliche Arzneistoffe wirken dementsprechend länger, da mehr Fett im Körper vorhanden ist, in dem sie sich lösen können. So kann besonders die Wirkung einiger Beruhigungsmittel erheblich beeinflusst werden. Diazepam beispielsweise wirkt bei einem 30jährigen bis zu 70 Stunden, bei einem 70jähigen wird das Medikament allerdings viel später ausgeschieden und kann noch nach vier Tagen wirken. Die Verringerung der Muskelmasse kann ebenfalls dazu beitragen, dass die Wirkung von Arzneimitteln beeinflusst wird.

Da die Wirkung des Arzneimittels also durch zu wenig Wasser stark beeinflusst werden kann, ist es sehr wichtig, dass genügend Flüssigkeit über den Tag verteilt zu sich genommen wird. Gerade älteren Menschen, die nur selten ein Durstgefühl entwickeln, fällt dies jedoch schwer. Die Empfehlung, pro Tag bis zu zwei Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen, gilt aber auch nicht immer. So liegt die Empfehlung für Personen die unter einer Herzschwäche leiden, bei ca. 1,5 Liter pro Tag.

Mit dem Alter nimmt auch die Leber- und Nierenfunktion ab. So arbeiten bei etwa einem Drittel bis der Hälfte der Menschen über 60 Jahre Leber und Niere nur noch eingeschränkt. Beide Organe sind aber wichtig für den Abbau und die Ausscheidung von Arzneimitteln. Kommen zu diesen altersbedingten Einschränkungen noch krankhafte Veränderungen der beiden Organe hinzu, besteht die Gefahr einer Wirkstoffanreicherung. Dies ist meist dann der Fall, wenn die Einzeldosen schneller wieder eingenommen werden, als sie vom Körper abgebaut und ausgeschieden werden können. Hinweise darüber finden sich häufig in der Gebrauchsinformation. Letztendlich entscheidet die behandelnde Ärztin bzw. der behandelnde Arzt über die Dosierung des einzunehmenden Arzneimittels nach körperlicher Untersuchung und unter Berücksichtigung der Laborwerte.

Polypharmazie

Mit der zunehmenden Anzahl der Erkrankungen steigen auch die Verordnung und die Einnahme von Tabletten an.

Unter dem Begriff der „Polypharmazie“ versteht man die gleichzeitige Verordnung von mehreren Arzneimitteln bei einer Person. Schon jetzt bekommen mehr als 40 % der Patientinnen und Patienten über 65 Jahre fünf oder mehr verschiedene Wirkstoffe in einem Quartal ärztlich verordnet.

Gründe für die Polypharmazie

Die Gründe für die Verordnung mehrerer verschiedener Wirkstoffe sind so vielschichtig wie die Krankheiten, unter denen der jeweilige Patient leidet. Grundsätzlich lassen sich jedoch einige wesentliche Merkmale benennen:

  • Die Patientin bzw. der Patient hat mehrere (chronische) Erkrankungen (Multimorbidität), die alle die Einnahme von unterschiedlichen Medikamenten erforderlich machen (z.B. neben Rheuma, Bluthochdruck noch die Behandlung des Diabetes mellitus)
  • Eine unzureichende Wirkung nur eines Medikaments führt häufig zu einer Kombination mit (mindestens) einem anderen Arzneimittel mit ähnlicher Wirkweise zur Erreichung der gewünschten Wirkung. Beispielsweise ist dies der Fall zur Behandlung des Bluthochdrucks, des Parkinson-Syndroms oder aber des Asthma. Bei diesen Erkrankungen kann es im Verlauf der Krankheit dazu kommen, dass die bislang eingenommenen Arzneimittel keine ausreichende Wirkung mehr zeigen.
  • Die Behandlung von Nebenwirkungen, die als solche entweder nicht erkannt werden oder nicht vermeidbar sind, kann zu einer weiteren medikamentösen Behandlung führen. Beispielsweise wird bei längerer Einnahme eines Cortisons oft ein Magensäureblocker verordnet, um die Magenschleimhaut zu schützen.

Neben den von der Ärztin oder dem Arzt verordneten Arzneimitteln sind auch Medikamente, die ohne Rezept zu erhalten sind, zu berücksichtigen (Schmerzmittel, Abführmittel oder „Stärkungsmittel“ wie beispielsweise Präparate mit pflanzlichen Extrakten). Frauen wenden dabei mehr rezeptfreie Mittel an als Männer. Dieser Unterschied nimmt im höheren Alter noch weiter zu.

Risiko Wechselwirkung

Je mehr Medikamente eingenommen werden (müssen), desto größer ist die Gefahr, dass sich die Wirkung dieser Mittel gegenseitig beeinflusst. Dies führt entweder zu einer Verstärkung oder Abschwächung bis hin zur Aufhebung des erwünschten Effekts. Aber auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen (Nebenwirkungen) einzelner Medikamente können durch die gleichzeitige Gabe verstärkt werden. Häufig ist eine Unterscheidung von medikamenten- und wechselwirkungsbedingten Nebenwirkungen nicht möglich.

Die Wechselwirkungen zwischen den jeweiligen Arzneimitteln können komplex und abhängig von der persönlichen Situation bedeutsam, sie können aber auch durch einfache Maßnahmen vermeidbar sein. Manche Wechselwirkungen sind so schwerwiegend, dass die Arzneimittel auf gar keinen Fall zusammen eingenommen werden dürfen. Unter „Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln und sonstige Wechselwirkungen“ finden sich Hinweise im „Beipackzettel“ (Gebrauchsinformation). So lassen sich kritische Wechselwirkungen zwischen den einzunehmenden Arzneimitteln vermeiden.  

Bei jedem Arzt- und Apothekenbesuch sollten Sie alle derzeit eingenommenen, verschriebenen oder frei gekauften Arzneimittel sowie nach Möglichkeit auch Nahrungsergänzungsmittel und diätetische Lebensmittel nennen. Dazu zählen auch Präparate, die Sie beispielsweise im Supermarkt oder der Drogerie gekauft haben, um die Leistung von Herz und Hirn zu stärken oder die Sehkraft zu verbessern.

Es empfiehlt sich, eine Liste der regelmäßig eingenommenen Präparate bei Arztbesuchen und in der Apotheke dabei zu haben, um mögliche Wechselwirkungen erkennen und verhindern zu können.

Arzneimittel, bei denen Wechselwirkungen in der Behandlung häufig eine Rolle spielen, sind:

  • blutzuckersenkende Arzneimittel (orale Antidiabetika)
  • blutverdünnende Arzneimittel (Antikoagulantien)
  • Arzneimittel bei Herzrhythmusstörungen (Antiarrhythmika)
  • Arzneimittel bei Herzschwäche
  • Arzneimittel bei Depressionen (Antidepressiva)
  • Arzneimittel bei bakteriellen und viralen Erkrankungen (Antibiotika und Virustatika)

Einnahme von Arzneimitteln

Etwa die Hälfte der Patienten nehmen ihre Arzneimittel aus verschiedenen Gründen nicht regelmäßig ein. Hierdurch können sich Erkrankungen verschlimmern. Zur Verbesserung der Therapietreue werden häufig Kombinationspräparate (bestehend aus mindestens zwei Wirkstoffen) eingesetzt, um die Anzahl der einzunehmenden Tabletten zu reduzieren, beispielsweise bei der Behandlung des Bluthochdrucks.

Die ärztlich verordnete Dosierung aller Medikamente ist genau zu befolgen. Eigenmächtige Änderungen ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt/der Ärztin können ein Risiko darstellen.

Mit der 2013 veröffentlichten hausärztlichen Leitlinie „Multimedikation“ (Download, 1,9 MB)  werden Empfehlungen zum Umgang mit Multimedikation bei Erwachsenen und geriatrischen Patienten gegeben und bieten somit eine wichtige Hilfestellung im ärztlichen Alltag.

Literatur (zusätzlich zu den bereits aufgeführten Quellen)

Hajjar ER, Cafiero AC, Hanlon JT (2007). Polypharmacy in elderly patients. Am J Geriatr Pharmacother 5(4): 345-51.

Hoffmann F & Schmiemann G (2013) Polypharmazie und kardiovaskuläre Wirkstoffgruppen bei Älteren - eine Einsatzmöglichkeit der Polypill? In: Glaeske G & Schicktanz Chr. Barmer GEK Arzneimittelreport 2013. 74-89.

Leitlliniengruppe Hessen & DEGAM (2013). Hausärztliche Leitlinie Multimedikation. Empfehlungen zum Umgang mit Multimedikation bei Erwachsenen und geriatrischen Patienten. Konsentierung Version 1.00 vom 16.01.2013 (Download, 1,9 MB) (letzter Zugriff: 15.09.2013).

Thürmann PA, Holt S, Nink K, Zawinell A (2012). Arzneimittelversorgung älterer Patienten. In: Günster C, Klose J, Schmacke N. Versorgungs-Report 2012. Stuttgart: Schattauer-Verlag:111-130.