Gesundheitsbezogene Selbsthilfe mit türkischsprachigen Angehörigen von dementiell erkrankten Migrantinnen und Migranten

Das Projekt IdeM ist seit 2003 in Berlin eine wichtige Anlaufstelle für dementiell und psychisch erkrankte sowie geistig behinderte Migrantinnen und Migranten und ihre Angehörigen. Ein wichtiges Ziel des Projektes ist die Entlastung der Angehörigen von Personen mit dementiellen Erkrankungen. 2015 wurde eine Selbsthilfegruppe für türkischsprachige Angehörige von dementiell erkrankten Migrantinnen und Migranten eingerichtet. Die Selbsthilfegruppe bietet  den Angehörigen die Möglichkeit, sich über Erfahrungen auszutauschen und gegenseitige Unterstützung zu erfahren.

Die Interviewfragen stellten wir Frau Belgin Habel (Beraterin im Projekt IdeM, Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg e. V.)

1. Wie kam es zur Idee Ihres Angebotes?

Während der Beratungen von Angehörigen habe ich wahrgenommen, dass die Angehörigen insbesondere von Menschen mit Demenz sehr viele Fragen im Kopf haben und die Sorgen der Menschen bei der Beratung groß sind. Die ratlosen und fragenden Gesichter haben sich gehäuft. Die Betroffenen sehen sich oft mit ihren Problemen allein, sie verstehen nicht, warum dies oder jenes passiert. Also habe ich gedacht, ein Austausch zwischen den Angehörigen wäre ganz gut. Auf der Suche nach einer Angehörigengruppe habe ich festgestellt, dass es keine türkischsprechende Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz in Berlin gibt. Also habe ich mich entschieden, eine türkischsprechende Selbsthilfegruppe für Angehörige von demenziell Erkrankten aufzubauen.

2. Was macht dieses Angebot in Ihren Augen so wichtig?

Beratung ist wichtig, aber der Austausch unter den Betroffenen, den Angehörigen, ist noch wichtiger. Ich gebe in der Beratung mein Wissen weiter, ohne praktische Beispiele aus meinem eigenen Alltag geben zu können. Doch genau dieser Austausch zu Alltäglichem und das Teilen dieser Erfahrungen mit anderen sind wichtig für Angehörige. Manche haben erst vor kurzem die Diagnose erhalten,  Anzeichen gab es jedoch seit Jahren. Andere haben lange Erfahrungen mit Demenz und haben somit gewisse Strategien für den täglichen Umgang mit der Krankheit entwickelt. Ich habe immer wieder Anrufe bekommen: „Meine Mutter macht jetzt das und das, was soll ich jetzt machen? Was soll ich da sagen?“ Bestimmte klare Fragestellungen über konkrete Situationen. Natürlich kann ich versuchen, mich in bestimmte Situationen reinzuversetzen und entsprechende Hilfen zu geben, jedoch ist der Tipp von einem anderen Angehörigen, der aktuell in einer ähnlichen Situation steckt, oftmals viel hilfreicher.

3. Wie haben Sie die Angehörigen bspw. bei der Angebotsentwicklung und -umsetzung einbezogen (Partizipation)?

Grundsätzlich ist die Selbsthilfegruppe aus dem Bedarf heraus entstanden. Es gab vielfach den geäußerten Wunsch, sich mit anderen Angehörigen austauschen zu können. Es ist  wichtig, dass die Angehörigen sich beteiligen können. Es macht ihnen Spaß etwas mitentscheiden zu können. Als zusätzlichen positiven Effekt habe ich festgestellt, dass seit der Gründung der Selbsthilfegruppe das IdeM auch stärkere Akzeptanz erfährt.  Die Betroffenen sagen nun: „Das ist unsere Selbsthilfegruppe und unsere Beratungsstelle.“ Die Formulierung „unsere“ ist irgendwie entstanden. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Diese Beteiligung ist uns wichtig. Sie haben wahrgenommen, dass sie selbst etwas zu sagen haben.

4. Angehörige mit Migrationshintergrund sind einer vielseitigen Belastung ausgesetzt. Was bedeutet dies für die Umsetzung Ihres Angebotes?

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen mit Migrationshintergrund sind eine „besondere“ Zielgruppe. Es muss sehr sensibel mit den Bedürfnissen der Betroffenen und ihren Angehörigen umgegangen werden. Bezogen auf das Angebot der Selbsthilfegruppe sollte man kontinuierlich schauen, ob sie daran teilnehmen, ob sie das organisieren können, ob es ihnen gut geht. Sie haben grundsätzlich die freie Wahl das Angebot in Anspruch zu nehmen. Aber bei manchen gehe ich schon ein bisschen mehr an die Grenzen und sage beispielsweise: „Sie müssen jetzt aber langsam aus dieser Situation heraus!" Angehörige lassen oft sehr viel zu. Häufig besteht beispielsweise nur eine Bezugsperson für die erkrankte Person und diese Pflegeperson hat kaum noch persönliche Freiheiten. Als Beraterin oder Berater - als Außenstehende oder Außenstehender sieht man manche Situationen besser als der oder die Betroffene und die Familie. Hier hat man die Möglichkeit, die Angehörigen zur Reflektion zu bewegen. Es ist wichtig, sie darin zu bestärken, sich auch mal Zeit für sich zu nehmen, um die notwendige Kraft für den Angehörigen langfristig aufbringen zu können.

5. Aus Ihren Antworten wird deutlich, dass Selbsthilfegruppen für Angehörige ein gesundheitsförderliches Potential entfalten, indem sie die Kompetenzen der Zielgruppe stärken. Worauf ist bei dieser Kompetenzstärkung (Empowerment) insbesondere zu achten?

Ich glaube ganz fest daran, dass die Angehörigen selbst Expertinnen und Experten sind. Selbst Expertin oder Experte zu sein, ist eine Ressource, die gestärkt werden muss. Wir hatten zum Beispiel vorgestern unsere Selbsthilfegruppe. Am Ende davon hat eine Teilnehmerin zu mir gesagt: „Das hast du ganz gut gemacht.“ Unsere Selbsthilfegruppe ist eine Selbsthilfegruppe mit Leitung. Das braucht die Gruppe auf jeden Fall. Viele fühlen sich im Leben überfordert und da braucht man einen „Kümmerer“, damit man sich auch abgeholt fühlt. Ich habe geantwortet: „Ich habe nichts gemacht, ihr habt das gemacht." Die Angehörigen machen das selbst. Sie sind die Expertinnen und Experten und tauschen sich untereinander aus. Natürlich bin ich auch an den Gesprächen beteiligt. Aber es ist deren Leistung, deren Ressourcen und deren Erfahrung, die sie gesammelt haben und die sie in der Gruppe wiedergeben. Manche geben es wieder. Manche hören nur zu. Es gibt auch einige Teilnehmerinnen, die sich noch nicht äußern können. Diesen geben wir natürlich Zeit. Es ist wichtig, dass sie die Zeit bekommen, die sie brauchen, und irgendwann werden sie sich dann auch öffnen. 

Bei weiteren Fragen zum Angebot kontaktieren Sie gerne Frau Belgin Habel

Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg e.V.
Linienstr. 131
10115 Berlin
Tel.: 030 - 85 62 96 57
Fax: 030 - 85 62 96 58
Mail: idem(at)vdk.de
Web: www.idem-berlin.de

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