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Lübecker Modell Bewegungswelten

Ältere Menschen mit Pflegebedarf profitieren in besonderer Weise von bewegungsfördernden Angeboten. Das Präventionsgesetz und das Pflegestärkungsgesetz II zielen darauf, die aktive Teilhabe dieser Personengruppe am sozialen Leben zu fördern. Dazu bedarf es einer multimodalen Förderung von Kognition und sicherer Mobilität sowohl für die Zielgruppe der Menschen in einer Pflegeeinrichtung als auch für jene, die in der Umgebung wohnen. Hier setzt das standardisierte Trainingsprogramm „Lübecker Modell Bewegungswelten“ an, welches in Pflegeeinrichtungen, also in der Lebenswelt der potentiell Teilnehmenden, bereitgestellt wird.

Die Interviewfragen stellten wir Herrn Dr. med. Martin Willkomm (Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck – Geriatriezentrum, Projektleitung) und Frau Dr. med. Sonja Krupp (Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck, Wissenschaftliche Leitung).

1. Wie kam es zu der Idee Ihres Angebotes?

Dr. Martin Willkomm, langjähriger Chefarzt am Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck Geriatriezentrum, überlegte Anfang 2015 auf einer Bahnfahrt zum Fachbeirat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln, wie Mobilitätseinschränkungen und der Verlust an Selbständigkeit im Alter - insbesondere in der  stationären Pflege - durch geeignete präventive Maßnahmen verhindert oder ihr Fortschreiten zumindest verlangsamt werden können. Die BZgA gab „grünes Licht“ für die Entwicklung eines qualitätsgesicherten Programms, das wissenschaftlichen Kriterien  entsprechen und die Teilnehmenden dauerhaft „bei der Stange halten“ sollte. Die am Geriatriezentrum tätige Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Sonja Krupp entwickelte in Kooperation mit in Lübeck tätigen Übungsleiterinnen und Übungsleitern die „Bewegungswelten“. Die Idee dahinter ist, dass Übungen, die Bewegungen aus der eigenen Erfahrungswelt aufgreifen, schnell abgerufen und leicht umgesetzt werden können. Das Konzept „Lübecker Modell Bewegungswelten“ (LMB) ging schon in den ersten Probeläufen Mitte 2015 erstaunlich gut auf. In den folgenden Monaten wurde dann das Programm, unterstützt durch die BZgA und gefördert durch den PKV Spitzenverband, in einem deutlich größeren Entwicklungsteam für die praktische Umsetzung weiterentwickelt und  nach und nach die mottogeführten Trainingsstunden auf inzwischen knapp 20 unterschiedliche Bewegungswelten ausgebaut.

2. Was macht dieses Angebot in Ihren Augen so wichtig?

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass körperliche Aktivität selbst im hohen Alter sowie bei gesundheitlichen Einschränkungen die Funktionsfähigkeit positiv beeinflussen kann. Studien belegen, dass gezielte Bewegungsprogramme sowohl die motorischen Fähigkeiten, wie Kraft, Beweglichkeit, Koordination, Ausdauer als auch die kognitive Leistungsfähigkeit erhalten oder sogar verbessern können. Auch bei Personen mit bereits bestehender Pflegebedürftigkeit können strukturierte Maßnahmen wie das „Lübecker Modell Bewegungswelten“ die Betroffenen darin unterstützen, „gesünder“ zu altern bzw. so wenig wie möglich auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

Vor allem multimodal angelegte Programme, also solche, die auf eine möglichst breite Wirkung sowohl im Hinblick auf die körperlichen als auch auf die geistigen Fähigkeiten angelegt sind, zeigen nachhaltige Effekte, jedoch gibt es wenig standardisierte und wissenschaftlich evaluierte Bewegungsprogramme für die Anwendung in Pflegeeinrichtungen. Das „Lübecker Modell Bewegungswelten“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der dortigen Versorgungsstrukturen. Es berücksichtigt die unterschiedlichen Einschränkungen und Bedürfnisse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und findet in der Lebenswelt der Bewohnerinnen und Bewohner statt, so dass der Zugang auch bei eingeschränkter Mobilität garantiert ist.

3. Das Lübecker Modell Bewegungswelten beteiligt verschiedene KooperationspartnerInnen mit unterschiedlichen Interessen. Welche Vorteile verspricht das Projekt bspw. den stationären Pflegeeinrichtungen, dem Landessportverband und den Sportvereinen?

Ein Vorteil besteht für die stationären Pflegeeinrichtungen darin, ein qualitätsgesichertes Programm, das nachweisbare Effekte erzielt, mit vergleichsweise wenig Aufwand in ihre Konzeption der aktivierenden Pflege integrieren zu können. Dadurch, dass speziell geschulte Übungsleiterinnen und Übungsleiter in die Einrichtung kommen und die Trainingseinheiten mit den Bewohnerinnen und Bewohnern durchführen, ist ein qualitativ hochwertiges, kontinuierliches Angebot gewährleistet und die Nachhaltigkeit gesichert. Eine Besonderheit des „Lübecker Modell Bewegungswelten“ ist, dass auch pflegebedürftige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem häuslichen Bereich am  Gruppentraining teilnehmen können. Diese „externen“ Personen lernen dabei gleichzeitig die Pflegeeinrichtung kennen. Falls zukünftig eine stationäre pflegerische Versorgung notwendig wird, fällt die Entscheidung, sich in das bekannte Pflegeheim zu begeben, möglicherweise leichter. Die Teilnahme ist also für die pflegebedürftige Person von Vorteil und gleichzeitig für die Pflegeeinrichtung eine Möglichkeit, für sich zu werben.

In die Pilotstudie zum LMB wurde von Beginn an der  Landessportverband Schleswig-Holstein als Vertreter des organisierten Sports eingebunden. Dem organisierten Sport öffnet sich somit ein Zugangsweg zu der Zielgruppe der Personen, denen es nicht mehr möglich ist, die Sporthallen aufzusuchen. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsförderung und Prävention dieser hochaltrigen Menschen. Die Erfahrungen und Kenntnisse im Gesundheits- und Seniorensport können in das Setting Pflegeeinrichtung eingebracht werden, und das sogar, ohne dass zusätzlicher Bedarf an Trainingsstätten entsteht.

4. Wie gelingt die Integration des Bewegungsangebotes in die stationäre Pflegeeinrichtung und wie erhalten Bewohnerinnen und Bewohner und darüber hinaus ältere Menschen aus dem Stadtteil einen möglichst leichten Zugang zum Angebot? (Niedrigschwelligkeit)

Um eine dauerhafte und gut besuchte Gruppe des „Lübecker Modell Bewegungswelten“ in das Angebot der Pflegeeinrichtung implementieren zu können, ist es wichtig, dass das Betreuungs- und Pflegepersonal früh einbezogen wird und sich vom Nutzen des Programms überzeugen kann. Damit das Gruppentraining des LMB keine Konkurrenz zu anderen Angeboten an die gleiche Zielgruppe darstellt, bedarf es rechtzeitiger Planung. Als optimal haben sich eine gleichmäßige Verteilung der Trainingstage mit 2 Tagen Pause dazwischen und ein Trainingsbeginn zwischen 9.00 und 10.00 Uhr erwiesen. Dies kommt der Leistungskurve der Teilnehmenden entgegen und passt sich in die Abläufe der stationären Pflege ein. Für die häufig berufstätigen Übungsleiterinnen und Übungsleiter oder den Einbezug von Familie oder Angehörigen sind auch die Samstage günstige Trainingstage. Die Auswahl geeigneter Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Hol- und Bringdienste sowie die Unterstützung der Durchführung der individuellen täglichen Übungen sind wichtige Aufgaben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflege und sozialen Betreuung. Das tägliche Bewegungsprogramm erleichtert es dem zuständigen Personal, den Expertenstandard für die Mobilisierung im Rahmen der aktivierenden Pflege durch den Einsatz bebilderter Übungsbögen mit Leben zu erfüllen.

Pflegebedürftige Personen aus dem häuslichen Bereich und ihre Angehörigen werden durch die Lokalzeitung, Flyer, Mundpropaganda, die Öffentlichkeitsarbeit der Sportvereine, aber auch ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf das LMB aufmerksam gemacht. Ein barrierefreier Zugang zu der Trainingsstätte ist wichtig und durch die Implementierung des Angebots in Pflegeeinrichtungen generell gegeben. Dennoch stellt derzeit für viele der ambulant versorgten Pflegebedürftigen, die sich für das angebotene Programm interessieren, der Weg zur Pflegeeinrichtung eine Schwierigkeit dar. Hier besteht Nachbesserungsbedarf.

5. Konnten bereits in der Modellphase fördernde sowie hemmende Faktoren bei der Umsetzung identifiziert werden?

Die Akzeptanz des Programms auf allen Ebenen, beginnend mit der Führungsebene der beteiligten Organisationen, sowie die Überzeugung, einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität der Teilnehmenden zu leisten, bilden die Basis der erfolgreichen Umsetzung durch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Schon in der Planungsphase vor dem Start des Gruppentrainings müssen sich die Kooperationspartner auf Augenhöhe begegnen und bereit sein, voneinander zu lernen. Je intensiver der Austausch zwischen den teilnehmenden Älteren, der Leitung des Pflegeheimes und des Sportvereins, dem Betreuungs- bzw. Pflegepersonal, den Übungsleitenden und dem Referenzzentrum Lübeck aufrechterhalten wird, desto eher wird das Programm ein dauerhafter Erfolg.

6. Was geben Sie denen auf den Weg mit, die Ähnliches planen?

Bewegungsprogramme müssen bedürfnisorientiert und zielgruppenspezifisch konzipiert werden. Eine langfristige und erfolgreiche Teilnahme ist nur gewährleistet, wenn alle Komponenten stimmen: Spaß am Training in der Gemeinschaft und individuell, Anleitung in der Form, die zum Teilnehmenden passt, Hilfe beim Aufsuchen des Gruppentrainings, ansprechendes Trainingsmaterial und empathische, gut ausgebildete Übungsleitende. Umfassende Informationen zum Bewegungsangebot wecken das Interesse und sensibilisieren alle Beteiligten für die Ziele und Vorteile, die mit dem LMB erreicht werden. Eine nachhaltige Umsetzung des Programms gelingt vor allem dann, wenn alle vom Nutzen des Programms überzeugt sind, „an einem Strang ziehen“ und es gemeinsam umsetzen wollen.

Bei weiteren Fragen zum Angebot kontaktieren Sie gerne Frau Krahnert (Projektkoordinatorin LMB)

Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck
Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck - Geriatriezentrum
Projektkoordination LMB
Anja Krahnert
Marlistraße 10
23556 Lübeck
Tel: 0451/98 902-355

Mail:
lmb(at)geratrie-luebeck.de
Web: http://www.aelter-werden-in-balance.de/programme/luebecker-modell/