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Porträt Christina Merseburger: „Für mich hat ein ganz neues Leben angefangen“

„Ich hatte Situationen, in denen ich selbst gesagt hab‘, jetzt muss ich in die Klinik.“ Einmal sei sie dort gelandet und wisse eigentlich bis heute nicht, wie es dazu kam. Ursprünglich habe sie nur einen Stadtbummel machen wollen. An vielen Tagen traute sich Christina Merseburger erst gar nicht aus dem Haus, andere gab es, an denen sie den Weg kaum hinein schaffte. Und dann waren da auch immer wieder die Momente, da wollte sie nicht mehr leben. Wenn ein Auto an ihr vorbeifuhr, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf: „Das würde jetzt passen.“ Dann aber dachte sie „an den armen Fahrer“, und das hielt sie schließlich davon ab, sich vor den Wagen zu werfen, wie sie sagt.

Wann es genau angefangen hat, daran erinnert sich die heute 71-Jährige nicht genau. Das müsse wohl so Mitte der 70er gewesen sein. Sie arbeitete damals bei der Post und lebte mit Ehemann, der Schwiegermutter und den 1974 geborenen Zwillingen in Leipzig, auf engstem Raum - keine ungewöhnliche Wohnsituation in der damaligen DDR, wie sie schildert. Es begann mit Appetitlosigkeit, entsprechend nahm sie mehr und mehr ab. Hausarbeit und Versorgung der Kinder wurden zur Last. Es kam der Zeitpunkt, an dem sie das Gefühl hatte, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können. Selbst die geliebte Tätigkeit bei der Post fiel von Tag zu Tag schwerer. Vielfach schaffte sie es gar nicht erst hinzugehen, blieb stattdessen im Bett.

Mitte der 80er erlitt Christina Merseburger einen erneuten Zusammenbruch. Sie suchte erstmalig eine Tagesklinik auf. Verordnet wurden ihr da Autogenes Training, Sauna und Gruppentherapie. Gerade mit Letzterem tat sie sich schwer. Über sich zu reden, das hatte sie nie gelernt. Über Gefühle zu sprechen, sei zu der Zeit ja auch nicht üblich gewesen, erinnert sie sich. Beinahe erleichtert war sie, als 1987 eine rheumatoide Arthritis diagnostiziert wurde. Das sei wenigstens „etwas Greifbares“ gewesen, vor allem, wenn sie mitbekam, wie selbst Ärzte sich hinter vorgehaltener Hand über Patienten mit psychischen Problemen kritisch äußerten. „Eben noch eine andere Zeit“, wie sie sagt.

2015 gibt es den völligen Zusammenbruch. „Es ging nichts mehr“, erzählt sie. „Verstand und Empfinden haben einfach nicht mehr zusammengearbeitet. Ich konnte das nicht mehr zusammenbringen.“ Selbst der Bewegungsapparat versagte. Wieder einmal geht es nach Leipzig in die Klinik. Es folgte eine Kombination aus medikamentöser Behandlung und psychotherapeutischen Maßnahmen. Die entscheidende Wendung allerdings brachte für sie die Elektroheilbehandlung (auch „Elektrokonvulsionstherapie“), die in 2017 durchgeführt wurde. Diese Behandlungsform wird vor allem bei schweren oder behandlungsresistenten Depressionen eingesetzt.

Seitdem schaut Christina Merseburger fröhlich in die Zukunft – ein für sie bislang unbekanntes, doch wunderbares Gefühl. „Zum ersten Mal denke ich, wie stark ich doch eigentlich bin“, sagt sie. Dass sie zu solchen Gefühlen überhaupt fähig ist, das hat sie in der Gesprächstherapie erst mühsam lernen müssen. Was ihr überdies inzwischen viel Kraft gibt: Sie hat gelernt, Vertrauen aufzubauen. Ohne dieses, besonders den Ärzten und Therapeuten gegenüber, hätte es den Neuanfang auch nicht gegeben, so Christina Merseburger.  Während sie sich obendrein früher für ihre psychischen Probleme und ihr „Versagen“ geschämt hat, steht sie heute bewusst dazu. Ganz offen kann sie über diese als auch über ihre Krankheit sprechen. „Was die anderen denken, ist mir egal. Ich steh‘ zu mir und meinen Problemen.“ Darauf ist sie stolz. „Man kann alt werden wie ‘ne Kuh“, sagt Christina Merseburger lächelnd, „man lernt immer dazu.“

Anmerkung: Hierbei handelt es sich um einen der seltenen Fälle, bei denen weder Psychotherapie noch Antidepressiva ausreichend wirken.