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Porträt Karl Heinz Möhrmann: „Knüpfe dir ein Hilfenetz…!“

Karl Heinz Möhrmann (77 Jahre, Angehörigen-Perspektive) und seine an einer bipolaren Störung erkrankte Ehefrau Erika (75)

Karl Heinz Möhrmann weiß schon früh, wo es beruflich einmal hingehen soll. Nach dem Abitur studiert er Elektrotechnik. Es folgen 35 erfolgreiche Jahre als Elektroingenieur bei Siemens. Er hält Vorträge in aller Welt zu seinem Fachgebiet Nachrichtentechnik und darf sich über mehr als 60 eigene Patente freuen. Bei einem Faschingsfest lernt er seine spätere Frau Erika kennen. Geheiratet wird 1967.

Bereits ein Jahr später verändert sie sich auffallend, berichtet er. Von ihrer liebenswürdigen und offenen Art, die ihn so angezogen hatte, ist oft nichts mehr zu spüren. Sie beschimpft ihren Mann, überschüttet ihn mit schweren Vorwürfen – für ihn kaum zu ertragen. Irgendwann sucht er einen Scheidungsanwalt auf. Bevor es allerdings zu rechtlichen Schritten kommt, gerät die Situation aus den Fugen. Karl Heinz Möhrmann muss seine Frau in die stationäre Psychiatrie bringen. Dort erfährt er zum ersten Mal, dass es kein schlechter Charakter sei, der zu ihrem Verhalten geführt habe. Seine Frau Erika sei vielmehr krank und befinde sich gerade in einer akuten Manie. Die Diagnose lautet "Bipolare affektive Störung". Eine Scheidungsklage zieht er zurück. „Ich bin heute noch froh über diese Entscheidung“, sagt er.

Bei der bipolaren affektiven Störung wechseln sich depressive Phasen tiefster Verzweiflung mit jenen der maßlosen Euphorie ab. Zunächst hilflos steht der Ehemann vor seiner Frau, versucht diese unterschiedlichen Extreme zu verstehen. Mal ist sie in der Manie übermäßig „heiter“, dann wieder extrem aggressiv. In der depressiven Phase ist sie dagegen hilflos und völlig inaktiv. Ihren Alltag kann sie dann nicht mehr bewältigen, so dass ihr Ehemann alle Aufgaben, wie Einkaufen, Kochen oder die Kommunikation nach außen übernehmen muss. Bis heute war sie mittlerweile 17-mal in stationärer Behandlung. Karl Heinz Möhrmann beginnt damals, sich mit der Erkrankung seiner Frau Erika intensiv zu beschäftigen, schließt sich einer Selbsthilfegruppe an, besucht Seminare. „Heute spüre ich“, sagt der heute 77-Jährige, „wenn meine Frau im Begriff ist, in eine depressive oder manische Phase zu rutschen.“ Sie beraten sich dann mit dem Psychiater, ändern gegebenenfalls in Absprache mit ihm die Medikamentendosis. Inzwischen sei seine Frau medizinisch aber einigermaßen gut eingestellt, wie er sagt, was jedoch keine Garantie dafür sei, nicht einen Rückfall zu erleiden. „Wir haben über die Jahrzehnte hinweg viele sehr schwierige, aber auch viele gute Zeiten zusammen durchlebt, welche ich nicht missen möchte - wie z. B. unsere gemeinsamen Reisen.“, resümiert Karl-Heinz Möhrmann. Er liebt seine Frau bis heute.

Die Selbsthilfe war und ist für ihn von besonderer Bedeutung. Dort findet er Gesprächspartner, alle mit ähnlichen Sorgen und Problemen. Inzwischen leitet Möhrmann den Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e. V.  und ist zugleich stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e. V. Er berät andere Angehörige, gibt Erfahrungen weiter, hält Vorträge. Die Erfolgserlebnisse im Ehrenamt und das Gefühl, etwas bewegen zu können, seien Energiequellen für ihn, sagt er. Sie tun ihm gut. Er begleitet seine Frau weiterhin in jeder Phase, nicht jedoch bis zur Selbstaufgabe, erklärt er. Das sei ganz wichtig.

Sein Rat für Angehörige: „Knüpfe dir ein Hilfenetz aus Maschen und Knoten, jeder Knoten ist ein Mensch. Denn Du wirst nicht immer alleine mit den Problemen fertigwerden. Und tue Dir selbst jeden Tag etwas Gutes. Denn wenn es Dir selbst schon schlecht geht, kannst Du auch für deinen erkrankten Angehörigen nichts mehr tun – dann ist gar niemand geholfen!"