Sie sind hier: Startseite >  Gesundheitsthemen >  Depression im Alter >  Porträts von Betroffenen > Porträt Manfred Bieschke-Behm

Porträt Manfred Bieschke-Behm: Depression – der unliebsame Untermieter

Manfred Bieschke-Behms (70) Blick auf seine Kindheit und Jugend fällt schmerzvoll aus: Der Vater verlässt die Familie früh, der Stiefvater habe ihn stets spüren lassen, unerwünscht, nutzlos und ein Versager zu sein. Noch heute leidet er gelegentlich an den Folgen wochenlangen sexuellen Missbrauchs durch einen pädophilen Mann. Gerade mal 13 Jahre alt, versucht er sich erstmals das Leben zu nehmen. Weitere Versuche sollten folgen.

Nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann geht der junge Mann erfolgreich seinen beruflichen Weg bei einer großen Versicherungsgesellschaft, wird dort schließlich zum stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden gewählt. Die Depression geht den Weg mit, wird zu seinem ständigen und oft kaum zu ertragenden Begleiter. Irgendwann fühlt er sich an seinem Arbeitsplatz hochgradig überfordert. „Selbst banale Tätigkeiten waren plötzlich für mich unüberwindbar und nicht zu bewältigen“, berichtet er. Von Menschen zieht er sich zurück, schafft es teilweise nicht, die Wohnung zu verlassen. Nur die völlige Isolation ist für ihn zu ertragen. Und zwischendrin gibt es immer wieder den Gedanken, diesem „Leben“ ein Ende zu setzen.

Weil Manfred Bieschke-Behm keinen anderen Ausweg für sich sieht, weist er sich selbst in Kliniken ein. Diese wie auch verordnete Klinikaufenthalte werden von ihm mit Blick auf die gesuchte Hilfe unterschiedlich bewertet. Über mehrere Jahre verteilte Psychotherapien – von der Verhaltenstherapie über die analytische Psychotherapie bis hin zur Gestaltungs- und Bewegungstherapie – helfen, den Allgemeinzustand zu verbessern. Die Medikamente, die er bekommt, haben ihm Entschleunigung gebracht, sagt er im Rückblick. „Als alleinige Behandlungsform reichten diese aber nicht aus. Manchmal habe ich mich wie eine Marionette gefühlt, an deren Fäden stets irgendwelche anderen ziehen“, berichtet Bieschke-Behm. „Auch wenn es Phasen gab, in denen ich mich wohl fühlte, die ich genießen konnte, hielten Gefühle von Glück und Zufriedenheit nie lange an“, fasst er zusammen. Auch für seinen Partner, mit dem er jetzt bald 50 Jahre zusammenlebt, war das keine leichte Situation. Nach 25 Jahren reißt ihn seine Krankheit schließlich ganz aus seinem beruflichen Umfeld heraus. Der damals 49-Jährige scheidet aus dem Arbeitsleben aus – erneut Therapien, begleitet von langfristiger Krankschreibung hin zur Verrentung.

Im Jahr darauf trifft der heute 70-jährige Berliner auf den für ihn optimal geeigneten Verhaltenstherapeuten. Er lernt zum ersten Mal, sich selbst wertzuschätzen und zu lieben – für ihn bislang ein eher unbekanntes Gefühl. Ein Leben ohne Angst vor dem Gestern, Heute und Morgen zu führen, hatte er sich nicht vorstellen können. Nicht zuletzt ist er heute in der Lage, mit seiner schmerzvollen Vergangenheit friedvoll zu leben. Er könne verzeihen und sei fähig, seinem Leben einen Sinn zu geben, so Manfred Bieschke-Behm.

In dieser entscheidenden Zeit der Veränderung ist ihm eines klar geworden: „Andere können mir zwar einen Weg zeigen“, sagt er, „gehen muss ich ihn letzten Endes allein.“ Er ist ihn gegangen, Schritt für Schritt – selbstbestimmt, trotz vieler Zweifel und so mancher Rückschläge. Er sagt: „Der Hauptmieter bin ich, und die Depression ist der Untermieter. Ich bestimme die Spielregeln. Lange Zeit war es umgekehrt.“ Ganz vertreiben konnte er den unliebsamen „chronischen“ Mitbewohner nicht, er sei heute aber in der Lage, diesen zumindest in Schach zu halten, erklärt er lächelnd. “Ich fühle mich von der Krankheit Depression nicht befreit, aber von ihr entfernt.“

Irgendwann entdeckt Manfred Bieschke-Behm die Selbsthilfe für sich – das Beste, was ihm passieren konnte, betont er. Zunächst als Mitglied und inzwischen als Gruppenleiter ist er seit vielen Jahren aktiv dabei. Er leitet Seminare, Workshops und zur Zeit zwei Selbsthilfegruppen, zum einen unter der Überschrift DENKEN-FÜHLEN-HANDELN, zum anderen unter dem Titel KREATIVES SCHREIBEN. Er hat ein Methodenbuch zum Thema Lebendige Gruppenarbeit und einen Ratgeber für Angehörige/Betroffene geschrieben. Die Arbeit insgesamt gibt ihm die Möglichkeit, seine Kreativität zu entfalten und vor allem anderen zu zeigen, dass es möglich ist, der Krankheit Depression die Macht zu entziehen, die ihr nicht zusteht. Um dorthin zu gelangen, war u. a. professionelle Hilfe erforderlich. „Wenn ich gewusst hätte, dass es Helfende gibt, hätte ich eher danach gesucht“, sagt Manfred Bieschke-Behm. Die Bereitschaft sich helfen zu lassen, sei allerdings Voraussetzung. „Auch ich musste lernen, Hilfe anzunehmen!“