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Porträt Ina Jonas: Das Leben bleibt abenteuerlich

Ina Jonas: „Man muss offen sein und um Hilfe bitten, wann immer es notwendig ist.“

Ihre Wohnung sieht aus, als würde ihre Besitzerin sie immer sehen: Bilder von Chagall, ein Orangenbäumchen im Sonnenlicht, fast durchsichtige Sessel aus Plexiglas, deren Form ein Schloss schmücken würde. Ina Jonas bewegt sich sicher zwischen ihren Möbeln, bedient die Espressomaschine: „Ich vergesse oft, dass ich dieses Problem habe.“ Vor fast 25 Jahren wacht sie eines Morgens auf und der Fenstersims scheint krumm, die Buchstaben der Zeitung verzerrt. Sie lebt zu der Zeit auf Zypern, ist 45 Jahre alt und reist zu mehreren Ärztinnen und Ärzten in unterschiedlichen europäischen Ländern, bis ein Arzt einer Universitätsaugenklinik die richtige Diagnose stellt: Makula-Degeneration aufgrund starker Kurzsichtigkeit. Ihre Brille hat zwölf Dioptrien. Die Krankheit ist Anfang der 1990er Jahre nur in Fachkreisen bekannt. Eine Verwandte malt schon den Teufel an die Wand: „Was machst Du, wenn Du ganz blind bist?“ Ina Jonas denkt mit Schrecken an die fünf Jahre, die dann folgen: Die Krankheit wird stetig schlimmer, Therapien helfen nicht und Unwissenheit, Angst und unangemessene Kommentare anderer Menschen verbinden sich zu einer düsteren Mischung. Sie ist zu dieser Zeit verzweifelt.

Immerhin bleibt ihr Leben abenteuerlich. Mit ihrem Mann, einem Reporter, und ihren beiden Kindern zieht sie von Zypern nach Südfrankreich und von dort in die Dominikanische Republik. Die Ehe allerdings hält der Belastung durch die Augenkrankheit nicht stand. Als sich das ganze Leben verändert, erkennt Ina Jonas, dass sie sich aktiv mit ihrem Leiden beschäftigen muss, und schließt sich schon in Frankreich, später verstärkt in Bonn Selbsthilfegruppen an. Sie will von Menschen, die nichts oder wenig sehen, lernen. Unvergessen bleibt das erste kalte Buffet, zu dem sie eine blinde Frau begleitet. „Für Blinde ist das ein Albtraum.“ Ohne Hilfe würden sie Lachs, Remouladensoße und Mousse au Chocolat auf einen Teller häufen. „Die blinde Dame löste das sehr elegant: Sie bat einen Kellner, uns zu führen. Als wir uns mit den Delikatessen auf dem Teller an einen Tisch setzten, bat sie ihn, für den nächsten Gang später zurückzukommen!“ Diese Frau hat Ina Jonas zu ihrem Motto im Umgang mit der Makula-Degeneration geführt: „Man muss offen sein und um Hilfe bitten, wann immer es notwendig ist.“ Seit vielen Jahren gibt Ina Jonas in Gruppen des DBSV-Landesverbandes Nordrhein und der Selbsthilfeorganisation PRO RETINA diese Erfahrung weiter.

Sie kämpft mit dem DBSV allerdings auch um reale Verbesserungen: Sie setzt sich dafür ein, dass Sehbehinderte ihre Ansprüche etwa auf vergrößernde Sehhilfen wahrnehmen und dass Leistungsansprüche z.B. auf starke Lampen ausgebaut werden. Denn Sehbehinderte brauchen viel Helligkeit. Ina Jonas will mit anderen Betroffenen verhindern, dass Sehbehinderte als „Kranke zweiter Klasse“ gelten. Von ihrem Engagement profitiert sie auch selbst: „Das hat mir den Beruf ersetzt, den ich wegen meiner schlechten Augen nicht mehr ausüben konnte.“ Nach der Familienphase hatte sie eine Ausbildung zur Direktionsassistentin gemacht. Sie arbeitet gern mit Sprache. In ihrer Wohnung, in der sie mit ihrem Partner lebt, hat sie dafür einen Computer mit großem Bildschirm installiert.

Aber eben weil sie die Sprache so mag, empfindet sie doch einen schmerzlichen Verlust in ihrem Leben: „Ich vermisse das Lesen“, sagt die 69-Jährige. Sie habe sich das sogenannte „exzentrische“ Lesen beigebracht, durch das sie mit Hilfe der Sehzellen am Rand der Makula Wörter erkennen kann. Aber durch ein ganzes Buch käme sie auf diese Weise nicht. Außerdem tut es ihr leid, wenn sie Menschen nicht erkennen kann. „Man soll die Krankheit auch nicht schönreden. Sie bringt Einschnitte mit sich!“

Wenn sie traurig ist, denkt sie an einen Jungen im Rollstuhl in dem Dorf auf Zypern, wo sie lebte, als sie erkrankte. Das Kind saß immer inmitten palavernder Männer, schien voll akzeptiert, hatte Spaß und konnte seinen Fähigkeiten entsprechend leben. All das hat Ina Jonas auch - meistens jedenfalls.