Porträt Marianne Lehmann: Helfende Menschen und Hilfsmittel

Marianne Lehmann lebt seit fünf Jahren mit Altersabhängiger Makula-Degeneration

Manchmal sieht Marianne Lehmann den Mond, so wie er sein soll, rund und schön. Dann hat sie ihr Fernglas vor den Augen. Wenn sie mit bloßem Auge nachts zum Himmel schaut, dann hat der Mond Schlieren und scheint seltsam oval. Ein störendes Bild an den Abenden, die seit einigen Jahren allzu still sind, seitdem ihr Mann wegen einer Demenzerkrankung in einem Pflegeheim wohnt und sie im „Betreuten Wohnen“. Dann setzt Marianne Lehmann sich manchmal ganz nahe vor den Fernseher. Sie leidet an Altersabhängiger Makula-Degeneration (AMD). „Wenige Meter von mir entfernt sehe ich gut, aber vorn und hinten ist alles im Nebel“, erzählt die 81-Jährige. Um diesen Nebel zu durchdringen, hat Marianne Lehmann ihre Hilfsmittel um sich ausgebreitet: Die Kantenfilterbrille bündelt das Licht und macht die Sicht klarer. Sobald sie ihre Wohnung verlässt, setzt sie diese Brille auf. Das Einglas - das Monokular - liegt bereit, ein Fernglas, wie man es sich vor den Augen von Kolumbus vorstellt, als die Küste des noch namenlosen Kontinents vor seinem Schiff auftauchte. Marianne Lehmann braucht das Gerät, um winzige Schriftzeichen zu entziffern: „An der Bushaltestelle erkenne ich mit dem Einglas die Abfahrtzeiten.“ Durch ihre Heimatstadt Hamburg fährt die 81-Jährige gern. Jeden Tag besucht sie ihren Mann, mehrmals in der Woche ihre Tochter und die Enkel.

Sie sah noch gut, als sie vor fünf Jahren wie immer Urlaub an der Ostsee machte. „Wir sind Camper!“ Das Licht war so klar. Sie konnte bis spät am Abend vor dem Zelt lesen, brauchte aber eine neue Brille. Ihr Arzt hatte sie verschrieben, ohne eine Augenkrankheit auch nur anzudeuten. So ging sie im Urlaub zum Optiker. Dieser sagte, dass ihre Hornhaut so stark verkrümmt sei, dass er keine neue Brille anpassen wolle.

Mit dieser Auskunft beginnt für Marianne Lehmann eine Serie von Besuchen bei Augenärzten. Immer wieder ist auch die Kostenfrage zu klären. Als ein Arzt ihr dann sagt, woran sie leidet, ist ihr klar: Sie wird immer weniger sehen. Erste Therapien mit Augentropfen in Kliniken sind vergebens. Auch Spritzen ins Auge verbessern die Sehkraft nicht. Marianne Lehmann ist verzweifelt. So möchte sie eigentlich nicht länger leben. Ihr Verantwortungsgefühl für ihren Mann und die gute Beziehung zu ihrer Tochter helfen ihr in dieser Situation. Und ein anderes Medikament gegen AMD, ebenfalls gespritzt, wirkt. Marianne Lehmanns Krankenkasse kommt für alle Therapien auf.

Ihre Tochter wird jetzt energisch: Hilfsmittel müssen her! Sie geht mit Marianne Lehmann zum Optiker: Das Einglas, die Kantenfilterbrille, das Fernglas, das alles kaufen sie sofort zusammen ein. „Die Tatkraft meiner Tochter war sehr gut“, sagt Marianne Lehmann. Sie will sich nicht geschlagen geben. „Ich kenne Frauen, die haben nach der Diagnose ein ganzes Jahr lang ihre Wohnung nicht verlassen.“ Das möchte sie nicht, auch wenn ihre Wohnung ihr die Sicherheit bietet, die sie braucht: „Alles ist barrierefrei.“ Ohne Stolperfallen sind Zimmer und Bad begehbar. Ein sprechender Wecker und eine sprechende Waage - „ich achte immer auf mein Gewicht, da bin ich ein bisschen eitel!“ - unterstützen sie im Alltag.

So hat sie alles, was sie braucht im „Betreuten Wohnen“. Aber abends, wenn es so still ist - „um sieben Uhr ist die ganze Anlage tot!“ -, da fällt es Marianne Lehmann manchmal schwer, zu ihrem Optimismus zu finden. „Als Sehbehinderte fühle ich mich außen vor und bin dann manchmal sehr traurig.“ Aber dann atmet sie wieder durch, schaut mit dem Fernglas gen Himmel und nimmt sich vor, am nächsten Tag raus zu gehen, frische Luft zu atmen, sich zu bewegen, spazieren zu gehen, mal allein, mal mit dem Hund ihrer Tochter. Und vor ihrer eigenen Tür hat sie eine Freude: ihren Garten. Da zupft sie Unkraut und kann dabei ihren Augen und Händen trauen: „Nein, ich habe noch nie eine richtige Blume aus Versehen herausgerissen!“ Auch darauf ist Marianne Lehmann stolz.