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Porträt einer Angehörigen: Das Mobile der Beziehung

Die Augenkrankheit ihres Ehemannes hat auch das Leben von Ingrid Pasker verändert.

„Am Anfang habe ich alles verdrängt.“ Ingrid Pasker gibt ganz offen zu, dass sie die Augenkrankheit, die ihren Ehemann schon in jungen Jahren getroffen hat, zunächst einfach ausblendete. Er sah ja noch, ging seinem Beruf nach und fuhr auch Auto.

Doch die Krankheit - Retinopathia pigmentosa, eine Netzhauterkrankung, bei der sich das Gesichtsfeld immer weiter einengt - schritt fort. Und irgendwann half das Verdrängen nicht mehr.

Die zierliche Frau musste immer mehr Aufgaben übernehmen, die bisher ihr Mann erledigt hatte, angefangen bei Taxidiensten bis hin zum Schleppen von Getränkekisten. Sie musste funktionieren, musste einfach dafür sorgen, dass der Alltag weiter ging. Und da die Sehfähigkeit ihres Mannes sich über die Jahre immer weiter verschlechterte, sahen er und sie sich regelmäßig vor neue Aufgaben gestellt, die beide wieder und wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit brachten. Heute, im Alter von über 70 Jahren, ist dem Ehemann nur noch ein ganz geringes Sehvermögen geblieben.

Ingrid Pasker weiß aus eigener Erfahrung und aus zahllosen Gesprächen mit Angehörigen sehbehinderter Menschen, dass nicht nur die Betroffenen selbst mit den Folgen einer Sehbehinderung zu kämpfen haben, sondern auch die Familie und das ganze Umfeld. „Das ist wie ein Mobile: Wenn ein Teil sich verändert, kommen die anderen auch aus dem Lot.“ Für ihr eigenes Leben bedeutet das: Ihre eigenen Interessen treten in den Hintergrund, sie selbst steht im Schatten, wird mit ihren Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten weniger wahrgenommen. Das Schicksal traf ihren Mann am härtesten, daran lässt sie keinen Zweifel. Doch sie selbst war und ist auch betroffen. Ihr Engagement im Arbeitskreis „Angehörige“ der Selbsthilfegruppe PRO RETINA trug viel dazu bei, dass sie sich ihre Situation bewusst machen und sie auch akzeptieren konnte.

„Das Schicksal annehmen, so wie es ist. Das ist keine einmalige, heroische Tat. Das muss immer und immer wieder vollzogen werden“, sagte sie einmal in einem Vortrag vor anderen Angehörigen. Loslassen - das ist dabei eine der ganz wichtigen Fähigkeiten, die sie gelernt hat, auch wenn es ihr schwerfällt. „Wir haben früher gern Studienreisen gemacht“, jetzt gebe es nur noch hin und wieder einen ,netten Erholungsurlaub‘, erzählt sie.

Doch aus dem kreativen Umgang mit den Situationen, vor die die Krankheit sie immer wieder stellt, erwachsen neue Fähigkeiten und ergeben sich neue Wege. Auch wenn die Seheinschränkung immer da ist, sie macht doch nur einen kleinen Teil der Persönlichkeit des Mannes aus, mit dem Ingrid Pasker schon so viele Jahrzehnte zusammenlebt. Jeder Tag, den sie gemeinsam verbringen, beschert ihnen glückliche Momente. Sie sind es, die zählen.