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Sehverlust kann verunsichern - Gespräche helfen bei der Orientierung

Dr. Christine Stamm, Beratungsstelle für Sehbehinderte, Bezirksamt Mitte, Berlin

Menschen, die erst seit Kurzem von einer Sehbehinderung betroffen sind, haben oft große Angst. Sie fürchten, unselbstständig zu werden und auf Hilfe und Pflege angewiesen zu sein. Kaum jemand kann sich vorstellen, auch mit wenig oder gar ohne Sehvermögen selbstständig zu bleiben. Und jeder braucht eine verständliche Erklärung seiner Krankheit, bevor er sich in die neue Situation fügen kann. Hier lautet der erste Rat: „Fragen Sie nach.“

Wer schlecht sieht, muss sich in der Regel in einigen Bereichen des Lebens umstellen. Viele wollen dies zunächst nicht akzeptieren, auch wenn andere altersbedingte Einschränkungen längst Alltag sind. Eine Seheinschränkung kann das eigene Selbstverständnis bedrohen. Die Sehbehinderung schränkt die gewohnte Mobilität mit dem Auto, vielleicht sogar - ohne Begleitung - zu Fuß ein. Geliebte Bilder existieren manchmal nur noch im Gedächtnis. Das führt oft zunächst zu Sorgen und Angst. Niemand will abhängig werden. Wirklich autonom ist aber niemand. Wir alle sind - oft ohne uns dessen bewusst zu sein - von anderen abhängig. Durch die Veränderung wird uns das lediglich bewusst.

Eine Trauerzeit ist verständlich und angemessen. Wer aber dabei bleibt, der Vergangenheit nachzuweinen und sich nur zu beklagen oder von der Welt zurückzuziehen, der vergibt gute Lebenszeit. Es stellt sich die Frage: „Wer bin ich noch, wenn ich hilfebedürftig werde?“ Wer sein Leben lang für andere da war, tut sich oft schwer damit, sich helfen zu lassen. Manches geht - wenn auch auf andere Art - doch wieder allein. In dieser neuen Lebenslage muss und kann man lernen, häufiger um Hilfe zu bitten. Man muss nicht fürchten, dass man anderen zur Last fällt: Für das Gegenüber ist durchaus spürbar, ob jemand maßlos Hilfe einfordert oder ob er sie wirklich benötigt.

Nehmen Sie sich Zeit und überlegen Sie, ob Sie wirklich schwach sind, wenn Sie Hilfe benötigen. Selbstbewusst Hilfe anzunehmen, erfordert eine besondere Form der Stärke.

Durch eine Sehbehinderung wird es nötig, anderen zu vertrauen. Mancher fühlt sich dadurch weniger wert und kann sich gar nicht vorstellen, dass dies für die Menschen seiner Umgebung nicht zwangsläufig auch so ist. Wem es schwerfällt, dies zu akzeptieren, oder wer sich schlecht und unnütz fühlt, wer glaubt, anderen zur Last zu fallen, der sollte darüber reden. Das richtige Maß zwischen Anspruch und Möglichkeiten muss besprochen werden. Es geht darum, die gegenseitigen Grenzen zu klären.

Nicht mehr gut sehen zu können, wirft den Menschen auf sich selbst zurück, weil viele Ablenkungen unserer Welt aus dem Sinn geraten. Wenn Ihnen bewusst wird, wer Sie sind, kann das sehr bereichern. Es ist wichtig, dass Sie sich nicht nur ausgeliefert fühlen, sondern eine neue Haltung zu sich finden.

Wer immer wieder an reale Grenzen stößt und die Wut darüber spürt, dass es - verdammt noch mal - so ist, wie es ist, dem ist zu wünschen, dass er die Kraft zum eigenen Leben wieder findet. Dann wird es auch wieder glückliche Momente geben. Mit der so erworbenen Lebenskunst kann er dann anderen wichtige Orientierung bieten.