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Multiplikatorenschulung zum Projekt „Prävention von kognitiven Störungen in der Gedächtnisschule“

Das Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (DSZ) ist ein Teil der Landesinitiative Demenz-Service NRW und ist im Bereich Demenz und Migration für ganz Nordrhein-Westfalen zuständig. Es setzt sich für eine landesweit bestehende Versorgungsstruktur für demenziell erkrankte Migrantinnen und Migranten ein. Ziel ist es diese besser zugänglich zu machen und darüber hinaus kultursensible bedarfsgerechte Angebote aufzubauen. Die dreitägige Multiplikatorenschulung zum Projekt „Prävention von kognitiven Störungen in der Gedächtnisschule“ verfolgt das Ziel, demenzpräventive gedächtnisfördernde Angebote über ausgebildete kultursensible Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu initiieren und aufzubauen.

Das Interview führten wir mit Anna Hindemith (Demenz-Servicezentrum NRW für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (DSZ).

1. Wie kam es zu der Idee Ihres Angebotes?

Die Multiplikatorenschulung im Rahmen des Projektes „Prävention von kognitiven Störungen in der Gedächtnisschule“ ist nur eines von vielen Projekten des DSZ. Die Idee entstand aus dem Bedarf an demenzpräventiven Maßnahmen für Menschen mit russischsprachigem Migrationshintergrund einerseits und fehlenden bzw. mangelhaften kulturell angepassten Angeboten zur Förderung kognitiver Fähigkeiten der älteren (russischsprachigen) Menschen andererseits.

Konzeptionelle Grundlage für das Projekt bietet ein gemeinsam mit dem DSZ, der „Jüdischen Gemeinde" in Düsseldorf und dem „Deutschen Verein russischsprachiger Ärzte und Psychologen“ entwickeltes Konzept zur „Prävention für ältere russischsprachige Menschen mit Migrationshintergrund mit und ohne kognitiven Einschränkungen“. Auf Grundlage dessen wurden im Rahmen eines Pilotprojektes insgesamt zwei Gedächtnisschulen als Gruppenangebote in Nordrhein-Westfalen – eine Gruppe in Gelsenkirchen und eine Gruppe in Essen – mit jeweils 14 Teilnehmenden umgesetzt. Die Rückmeldungen aus den Gruppenangeboten waren sehr positiv. Viele Teilnehmende teilten mit, dass die Gedächtnisschule ihr Selbstwertgefühlt sowie ihr Denkvermögen und ihre Konzentrationsfähigkeit gefördert habe.

Gemeinsames Ziel des DSZ und des „Deutschen Vereins russischsprachiger Ärzte und Psychologen“ ist es, die Gedächtnisschule als kultursensibles Präventionsangebot im russischsprachigem Raum in Nordrhein-Westfahlen (NRW) zu fördern. Dafür wurden mittlerweile rund 40 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren innerhalb von zwei Schulungsangeboten ausgebildet. Sie führen innerhalb von NRW in ihren jeweiligen Regionen Gruppenangebote in Migrantenselbstorganisationen, überwiegend auf ehrenamtlicher Basis, durch.

2. Was macht dieses Angebot in Ihren Augen so wichtig?

Für ältere Menschen mit und ohne Demenz existieren in Deutschland zahlreiche gesundheitsfördernde Unterstützungsangebote. Bestehende Angebote entsprechen jedoch häufig nicht dem Bedarf russischsprachiger älterer Migrantinnen und Migranten. Insbesondere alleinstehende ältere Zuwandererinnen und Zuwanderer fühlen sich nicht angesprochen bzw. ausgeschlossen und ziehen sich in ihre eigene Welt zurück. Bestehende Angebote zum Gedächtnistraining wurden häufig auf Grundlage des deutschsprachigen Bildungssystems aufgebaut, so dass Inhalte aus Literatur, Musik etc. einen starken deutschen Bezug aufweisen. Da die Migrantinnen und Migranten einen Großteil ihres Lebens in der ehemaligen Sowjetunion durchlebt haben und die Bildungsinhalte sich sehr voneinander unterscheiden, kann es zu einer ablehnenden Haltung kommen. Aufgrund solcher biographischer Unterschiede fehlt es diesen Gruppen oftmals an Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben und sozialer Anerkennung. Unseres Erachtens nach besteht ein dringender Unterstützungsbedarf, kulturell angepasste präventive Angebote aufzubauen. Unsere Erfahrungen zeigen zudem, dass durch die Teilnahme an dem Angebot „Gedächtnisschule“ Freundschaften und sogar gemeinsame Urlaube entstanden sind. Somit werden nicht nur kognitive Fähigkeiten verbessert, sondern es wird zudem ein positiver Beitrag zur kulturellen Teilhabe und zur Steigerung der Lebensqualität geleistet.

3. Welche Voraussetzungen sollten potentielle Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mitbringen?

Die Intention der Gedächtnisschule ist, dass die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren künftig das Präventionsangebot in den Einrichtungen bzw. Institutionen niedrigschwellig umsetzen. Bezüglich der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bzw. Schulungsteilnehmenden haben wir keine strikten Voraussetzungen festgelegt, wie beispielsweise einen Schulabschluss oder ähnliches. Die Personen kommen aus verschiedenen Gründen. Die einen sind Leitungen von Migrantenselbstorganisationen und nutzen beispielsweise die Schulungen, um im Rahmen von Förderprogrammen etwas Konkretes in dem Themenfeld anbieten zu können. Weitere Motivationen sind unterschiedlicher Art. Eine Teilnehmerin, die auf uns aufmerksam geworden ist, hat in Russland Psychologie studiert und praktiziert. Sie migrierte vor 20 Jahren nach Deutschland und arbeitete in Deutschland 17 Jahre als Pflegefachkraft in einer gerontotherapeutischen Einrichtung. Seit Kurzem ist sie im Ruhestand und möchte sich in diesem Bereich ehrenamtlich engagieren. Dieses ist aber nur eines von vielen Beispielen. Im Vordergrund steht in der Regel die Demenzprävention. Um die Teilnehmenden in diesem kurzen Zeitraum intensiver begleiten zu können, wurde die Zahl der Teilnehmenden auf maximal 20 Personen festgelegt.

4. Was sollte bei der Konzeption und Umsetzung einer Multiplikatorenschulung aus Ihrer Sicht beachtet werden?

Für diese Schulung haben wir uns ein halbes Jahr Vorbereitungszeit genommen, um eine klare Zielstellung zu benennen und ein entsprechendes Vorgehen zu planen.  Zunächst wurde die Zielsetzung der Schulung definiert. Dann galt es, weitere wichtige Fragen zu klären:

  • Welche Referentinnen und Referenten können wir einladen?
  • Welche zeitlichen Ressourcen stehen zur Verfügung?
  • Welche Materialien benötigen wir?
  • Wann und wo soll die Schulung durchgeführt werden?
  • Werden die Schulungen nachbereitet, etwa in Form von Supervisionen oder Evaluationen?

Eine gute Zusammenarbeit beider Kooperationspartner im Rahmen anstehender Arbeitsaufgaben, angefangen von der Erstellung von Arbeitshilfen und der Gestaltung von Flyern, bis hin zu Namenschildern oder Arbeitsmaterialien, ist für ein gutes Gelingen hilfreich.

Es ist von Vorteil, wenn den Teilnehmenden ausreichend Arbeitsmittel während der Schulungen zur Verfügung stehen. Zudem waren für die Teilnehmenden auch ganz praktische und organisatorische Aspekte von Relevanz, etwa der Anschluss des Veranstaltungsortes an öffentliche Verkehrsmittel und Informationen zur Schulungsgestaltung (z. B. Stundenplan, Pausen, Verpflegung). Für Teilnehmende mit längeren Anfahrtswegen konnten wir Übernachtungsplätze zur Verfügung stellen. Die Multiplikatorenschulung dauerte drei Tage, so dass die Möglichkeit einer Art „Klausurtagung“ bestand. So konnten bestehende Kontakte ausgebaut werden und wiederum zu neuen Netzwerken führen.

In unserem Arbeitsbereich ist es wichtig, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren darauf vorzubereiten, mit schwierigen Situationen umgehen zu können. In Gruppenangeboten können Konflikte auftreten, in denen die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren deeskalierend handeln müssen. Weiterhin wurde vermittelt wie sie schwierige Situation entschärfen können, ohne wertend zu sein. Den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wurde zudem vermittelt, individuell auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden einzugehen, etwa indem die Aufgaben entsprechend angepasst werden.

Ein weiteres Beispiel: Ein möglicher Verdacht einer Demenz oder kognitiven Störung sollte nicht vor der Gruppe thematisiert werden. Vielmehr sollte feinfühlig das Gespräch mit der oder dem Betroffenen bzw. den Angehörigen gesucht werden. Die Multiplikatorinnen sind eine wichtige Brücke zwischen den Betroffenen und den professionellen Hilfestellen. Sie wirken als eine Verbindung zu beiden Seiten. Wichtig ist, dass den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren diese Rolle vermittelt wird und sie darin gewertschätzt werden.

5. Was geben Sie denen mit auf den Weg, die ähnliches planen?

Sehr wichtig sind die Vernetzung und die Kommunikation zwischen den Akteurinnen und Akteuren. Zur Erreichung der Ziele der Landesinitiative Demenz-Service Nordrhein-Westfalen wurden 13 Demenz-Servicezentren geschaffen. 12 regionale Demenz-Servicezentren und das landesweite Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gibt es. Sie arbeiten mit den momentan sprachlichen Kompetenzen in russischer und türkischer Sprache, für die Belange von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Wir sehen in anderen Akteurinnen und Akteuren keine Konkurrenz, sondern Kooperationspartnerinnen und -partner. Man schafft nicht alles alleine. Mit Hilfe von Vernetzung ist oftmals mehr möglich. Es entstehen neue Ideen aufgrund der regionalen Unterschiede an Bedarfen und Ressourcen. Diese Bedarfe werden erkannt und mit Hilfe des Netzwerkes in Zusammenarbeit umgesetzt. Des Weiteren ist es wichtig, auch den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die immer noch größtenteils ehrenamtlich aktiv sind, immer wieder eine Wertschätzung ihrer Arbeit zukommen zu lassen. Zur kontinuierlichen Weiterentwicklung können in festgelegten Supervisionsterminen Bedarfe erkannt und bestehende Angebote ausgebaut werden.

 

Bei weiteren Fragen zum Angebot kontaktieren Sie gerne Frau Hindemith

Anna Hindemith
Demenz-Servicezentrum NRW für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte
Arbeiterwohlfahrt Unterbezirk Gelsenkirchen/Bottrop
I
ntegratives Multikulturelles Zentrum
Paulstr. 4
45889 Gelsenkirchen
Tel.: 0209 / 604 83 28
Fax: 0209 / 604 83 21
E-Mail: anna.hindemith(at)awo-gelsenkirchen.de
Web:
www.demenz-service-migration.de
www.awo-gelsenkirchen.de/beratung-und-hilfe/demenz-servicezentrum