Kriterium „Niedrigschwellige Arbeitsweise“

Angebote und Maßnahmen können nur dann wirksam sein, wenn sie ihre Zielgruppen auch erreichen. Gerade Menschen in schwieriger sozialer Lage sind oft schwer erreichbar, da sie nicht oder nur in geringem Umfang über die Ressourcen verfügen, die zur Wahrnehmung der Angebote notwendig sind. Dazu gehören beispielsweise Selbstbewusstsein, Informationen, Mobilität oder auch Geld. 

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Bedeutung von niedrigschwelliger Arbeitsweise

In der niedrigschwelligen Arbeitsweise gilt es Zugangshürden für die Zielgruppe bereits bei der Planung zu berücksichtigen und möglichst niedrig zu halten. Am besten gelingt das, wenn die Zugangshürden gemeinsam mit der Zielgruppe reflektiert werden. Voraussetzungen für eine niedrigschwellige Arbeitsweise sind Verständnis für und Wissen über die Lebenssituation der älteren Menschen, die man erreichen möchte.

Erfahrungen

In Berlin-Kreuzberg wächst die Zahl älterer Menschen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind. Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße e. V. nimmt sich der Förderung der sozialen und kulturellen Teilhabe dieser Zielgruppe an. In der Netzwerkarbeit wird der Frage nachgegangen, wie die Angebote des Nachbarschaftshauses einen Zugang zu älteren Menschen finden und von diesen in Anspruch genommen werden können.

„Wir verfolgen vier Strategien, uns Zugangswege zu eröffnen: Der erste Weg geht über die Multiplikatorenebene. Die sind oftmals näher dran, kennen die Personen mit Namen und ihren Geschichten und sollten im Grunde auch diejenigen sein, die die Zielgruppe zuerst ansprechen. Die zweite Strategie ist, über die Nachbarschaft zu gehen. Das setzen wir in Form einer Kampagne „Ziemlich beste Nachbarn – Dank Dir“ um. Dabei geht es darum, die Menschen über Plakate und Postkarten dafür zu sensibilisieren, ob sie mit älteren Nachbarinnen und Nachbarn in Kontakt stehen, denen sie Unterstützung anbieten können. Drittens haben wir begonnen, allen 62- und 64-Jährigen Briefe mit Informationen zur Angebotslandschaft in ihrer Nachbarschaft zu schicken. Zudem werden wir sie zu einer Veranstaltung mit all den Netzwerkpartnern, inklusive Bürgermeister als direkter Ansprechpartner für Bürgerinnen und Bürger, einladen. Als Viertes bieten wir mobile Angebote auf öffentlichen Plätzen an. Da haben wir meist auch Netzwerkleute dabei, die türkisch oder arabisch sprechen. Wir gehen direkt auf die Menschen zu. Wir sammeln so Themen, die uns zurückgespiegelt werden, die die Menschen umtreiben.“
(Markus Runge, Netzwerk „Für mehr Teilhabe älterer Menschen in Kreuzberg“, Berlin)
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Umsetzungsstufen einer niedrigschwelligen Arbeitsweise

Stufe 1: Kaum Berücksichtigung von Zugangshürden

Es findet kaum eine Berücksichtigung von Zugangshürden statt. Die Fachkräfte bestimmen auf Grundlage eigener Erfahrungen den Bedarf einer Zielgruppe.

Beispiel Stufe 1: Bewegungsangebot für ältere Menschen
Die Stadtteil-Sportvereine bieten Bewegungsangebote für ältere Menschen an. Dabei werden die Angebote entsprechend den allgemeinen Erfahrungen aus den anderen Altersgruppen konzipiert. Die Angebote werden zu festgelegten Zeiten auf dem Gelände des jeweiligen Sportvereines durchgeführt.

Worauf können wir achten?

Ist- und Bedarfsanalyse – Differenzierung der Gruppe der älteren Menschen
Hilfreich zu Beginn einer Initiative ist eine Ist- und Bedarfsanalyse der Gruppe der älteren Menschen, die man erreichen möchte. Mögliche Fragen sind:

  • Welche Angebote bestehen bereits?
  • Welche stadtteilbezogenen, soziodemografischen Gegebenheiten gibt es?
  • Welche Eigenschaften und Wünsche bringt die Zielgruppe mit?

Differenzierungen können beispielsweise nötig sein für: Frauen, Männer, Migrantinnen, Migranten, Menschen in schwieriger sozialer Lage, Menschen mit Behinderung oder Menschen mit demenziellen Einschränkungen.


Erfahrungen Stufe 1
Frau Schilling weist darauf hin, dass eine bedarfsgerechte Ausrichtung der Angebote mit Hilfe von Kooperationen gelingen kann, ohne Doppelstrukturen zu fördern. „Man muss das Umfeld sorgsam abklären. Ist wirklich Bedarf da? Wenn andere Angebote bereits vorhanden sind, dann keine Konkurrenz schaffen. Lieber kooperativ arbeiten. Kooperationen sind in unserer Angebotslandschaft manchmal nicht leicht, doch die Konkurrenz haben wir nicht nötig.“
(Elke Schilling, Seniorenvertretung Berlin-Mitte)

Auf Basis einer Differenzierung der Zielgruppe und der örtlichen Begebenheiten können auch spezifisch kommunale notwendigkeiten abgeleitet werden. „Die unterschiedlichen Gegebenheiten in den Kommunen machen eine allgemeingültige Konzeption für die Gestaltung gesundheitsförderlicher Kommunen nicht möglich. Als grobes Raster sollte anfangs immer eine Analyse vorgenommen werden, aus der sich dann individuelle Maßnahmen ableiten lassen.“
(Nina Gremme, Initiative Demenzfreundliche Kommune Mittelfranken)
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Stufe 2: Berücksichtigung von Zugangshürden ohne direkte Beteiligung der Zielgruppe

Die Fachkräfte reflektieren über mögliche Zugangshürden. Dabei greifen sie auf eigene Erfahrungen und fachliche Standards zurück oder tauschen sich mit anderen Anbietern aus.

Beispiel Stufe 2: Bewegungsangebote für ältere Menschen
Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes kooperieren Sportvereine, Wohnungsunternehmen und Senioreneinrichtungen, um Bewegungsangebote für ältere Menschen im Wohnumfeld zu fördern. Wichtig bei der Planung des Projektes ist den Beteiligten der fachliche Erfahrungsaustausch und die Reflexion darüber, welche Besonderheiten bei einer Umsetzung in der Lebenswelt vor Ort zu beachten sind. Der bereits bestehende direkte Kontakt zu den älteren Menschen wird dazu genutzt, die Bekanntheit des Angebotes zu steigern und Berührungsängste abzubauen.

Worauf können wir achten?

Einbindung relevanter Akteure: Bei der Reflexion von Zugangshürden ist es besonders wichtig, dass fachübergreifende Erfahrungen gebündelt werden. Wünschens­wert ist die Verstetigung eines regelmäßigen Austausches der Fachkräfte (z. B. Netzwerkarbeit in Form von Arbeitskreisen, AGs, Runden Tischen).


Erfahrungen Stufe 2
Wie wichtig die Kooperation relevanter Akteure sein kann, zeigt sich beispielsweise auch in der Arbeit der Pflegestützpunkte, die eine Lotsenfunktion zu den zahlreichen Angeboten für ältere Menschen einnehmen: „Pflegeberatung gelingt nur mit Vernetzung im Hintergrund. Zur Kontaktaufnahme mit den älteren Menschen, die schwer erreichbar sind, ist es förderlich, wenn Anbieter aus dem Sozialbereich und Pflegestützpunkten kooperieren. Damit Personen in der Angebotsvielfalt nicht verloren gehen, empfehlen wir eine aktive Beratungsvermittlung. Das heißt, die zu beratende Person wird aktiv vermittelt, indem ich einen direkten Kontakt mit dem jeweils anderen Angebot schaffe.“
(Dr. Katharina Graffmann-Weschke, Pflege in Familien fördern (PfiFf), Berlin)

Stufe 3: Berücksichtigung von Zugangshürden mit direkter Beteiligung der Zielgruppe

Die Arbeitsweise und Angebotsgestaltung richtet sich an der Lebenswelt und Sichtweise der Zielgruppe aus. Damit dies gelingt, wird durch Befragungen, Gespräche und Diskussionen der direkte Kontakt mit der Zielgruppe gesucht.

Beispiel Stufe 3: Bewegungsangebote für ältere Menschen
Alle Akteure arbeiten bereits in der Planungsphase zusammen, um einen Zugang zu den älteren Menschen vor Ort zu erhalten. Die beteiligten Institutionen stellen ihr Bewegungskonzept vor. Und sie befragen die Personen aus der Zielgruppe nach ihren Interessen und Bedarfen für die Ausgestaltung oder beteiligen sie an Vorbereitungsrunden. Bei den Beratungen wird darauf geachtet, auch ältere Menschen aus schwieriger sozialer Lage einzuschließen. Am Ende des Prozesses entstehen offene Bewegungsangebote in Wohnungsunternehmen und Senioreneinrichtungen. Diese Angebote werden durch lokale und kostenlose Zeitungen beworben, die besonders von älteren Menschen genutzt werden.

Handlungsempfehlung für eine niedrigschwellige Arbeitsweise

Nutzen Sie bereits vorhandene Strukturen und Kooperationen!
Um den Zugang zu einem neuen Angebot möglichst niedrigschwellig zu halten, ist es förderlich, das Projekt in bereits vorhandene Strukturen und Angebote zu integrieren. Die Einbettung in bereits bekannte Angebote wie religiöse Gruppen, Seniorentreffs oder lokale Gesundheits­einrichtungen reduziert Teilnahmehürden.

Good Practice-Beispiel

Nachbarschaftsheim St. Pauli
Das seit über 55 Jahren bestehende Nachbarschaftsheim St. Pauli bietet in Form einer niedrigschwelligen, integrativen Struktur Menschen ab etwa 55 Jahren unterschiedliche Angebote an. Insbesondere die Zielgruppe der älteren Personen mit Migrationshintergrund und aus dem typischen „Kiezmilieu“ nehmen die Seniorentagesstätte in Anspruch. Ziele des Nachbarschaftsheimes St. Pauli sind die Stärkung der Eigenverantwortung und Selbstständigkeit sowie das Verhindern sozialer Isolation. Außerdem soll eine soziale Integration von psychisch Kranken, Migrantinnen und Migranten sowie ausgegrenzten Minderheiten generations- und kulturübergreifend gelingen. Zur Erreichung der Zielgruppe der älteren Migrantinnen und Migranten führt das Projekt Vor-Ort-Begehungen durch und sucht Moscheen und kulturspezifische treffpunkte auf.

Da viele Personen aus der Zielgruppe nicht lesen und schreiben können, setzt das Projekt auf „Mund-zu-Mund-Werbung“. Der Kontakt zu Personen mit Bewegungseinschränkungen wird oftmals über Bekannte oder Freunde hergestellt. Eine Vielzahl an generationsübergreifenden Angeboten können ohne Anmeldeformalitäten in Anspruch genommen werden. Zusätzlich zu den „Komm-Angeboten“ bietet das Nachbarschaftsheim St. Pauli auch aufsuchende bzw. begleitende Hilfen, beispielsweise Begleitung zu Ämtern, Behörden, Ärztinnen und Ärzten, oder vermittelnde Gespräche bei Krankenhausbesuchen an.
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Hinweis

Weitere anschauliche Erfahrungen für eine niedrigschwellige Arbeitsweise dokumentieren sich in den Projekten, die vom Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit bereits als Good Practice-Projekte ausgezeichnet wurden. Beispiele können über die Projektdatenbank recherchiert und abgerufen werden.

Weitere Kriterien