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Gesund älter werden - Präventive Hausbesuche

Bei dem Projekt „Gesund älter werden - Präventive Hausbesuche“ in Niedersachsen werden ältere Menschen durch geschulte Beraterinnen und Berater mit unterschiedlichen Grundqualifikationen (Krankenschwestern, Psychologen, Sozialpädagogen, Familientherapeuten, Ernährungsberater) zu Hause aufgesucht und rundum zum Thema Gesundheit beraten. Um die Teilnehmenden zu aktivieren, ermitteln die Beraterinnen und Berater die Wünsche, Bedürfnisse und Ressourcen der Menschen und unterstützen bei der Vermittlung entsprechender Angebote.

Die Interviewfragen stellten wir Frau Martina Dieckmann (Unternehmensbereichsleiterin Gesundheitsmanagement Prävention, AOK Niedersachsen)

1. Können Sie bitte kurz schildern, worum es in Ihrem Angebot „Gesund Älter Werden“ geht und wen Sie erreichen möchten?

Im Zentrum unseres Angebotes „Gesund älter werden“ stehen „präventive Hausbesuche“, die wir unseren Versicherten anbieten, die über 63 Jahre alt und nicht pflegebedürftig sind. Insbesondere sind Menschen unsere Zielgruppe, welche bisher eher wenig aktiv waren, also genau jene, die bei einer Kursausschreibung, Vortragsveranstaltung oder einer kommunalen Maßnahme nicht eigenmotiviert entscheiden, oh das ist ja super, da gehe ich hin. Sondern die, die eher wenig oder gar keine Aktivierungsangebote nutzen. Ich verwende den Begriff Aktivierungsangebote, denn unser Grundgedanke ist, dass Gesundheitsförderung nicht nur bedeutet, in den klassischen Handlungsfeldern wie Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung aktiv zu sein. Gesundheitsförderung bedeutet vor allem auch die Aktivierung eines Menschen in einem sozialen Umfeld, in dem er sich wohl fühlt. Nehmen wir als ein Beispiel, einen vereinsamten, eher inaktiven Mann. Bei einem präventiven Hausbesuch erzählt er, dass er früher einmal gern Schach gespielt hat. Dann versuchen wir ihm Möglichkeiten aufzuzeigen, ihn zu begleiten, sein Hobby wieder aufzunehmen, um so eine Aktivierung zu ermöglichen. Basis unseres Vorgehens sind die Ressourcen, Potentiale und Wünsche, die er hat. Die Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit steht dabei immer im Mittelpunkt. Unser Vorgehen sieht klassischerweise folgendermaßen aus: Die Versicherten erhalten einen Brief. Ungefähr fünf bis zehn Tage danach bekommen sie einen Anruf von uns, mit dem Ziel, einen Termin zu vereinbaren und erste Fragen zu unserem Brief und unserem Beratungsangebot zu beantworten. In den darauffolgenden lösungsorientierten Beratungen verwenden unsere Berater einen standardisierten Fragebogen als Leitfaden.

2. Wie gelingt es in Ihrer Arbeit denn, die Ressourcen jener Menschen auszuschöpfen, welche bisher kaum Angebote in Anspruch nehmen?

Im Rahmen des präventiven Hausbesuches stellt sich oft heraus, dass nahezu alle Menschen individuelle Gesundheitspotentiale haben, an denen wir anknüpfen können. Das sind durchaus auch Menschen, die sich bereits mit zunehmenden Einschränkungen auseinandersetzen müssen. Durch entsprechende Fragen geben wir Impulse. Zum Beispiel durch ressourcenorientierte Fragen. In der Medizin würde man eher fragen: „Welche Schwierigkeiten haben Sie beim Treppensteigen?“ Wir fragen: „Was können Sie gut, wie klappt das Treppensteigen?“ In der persönlichen Beratung zu Hause knüpfen wir an die Lebenssituation an. In dem Gespräch wird dann oft deutlich, wo der ältere Mensch sich Veränderung wünscht. Dabei spielen auch soziale Rahmenbedingungen eine große Rolle. Ist der Mensch beispielsweise gerade in einem Trauerstatus? Ist es in der Familie gerade harmonisch?

Es ist auch wichtig, die regionalen und örtlichen Begebenheiten zu berücksichtigen. In der Region Wilhelmshaven habe ich gerade vor acht Wochen ein Gespräch mit einer Wohnungsbaugesellschaft geführt. Die Gesellschaft hat ein großes Interesse daran, dass die älteren Menschen in ihren Wohnungen möglichst lange wohnen bleiben. Diese Wohnungsbaugesellschaft bietet bereits Präventions- und Aktivierungsangebote an und ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner nimmt daran auch teil. Aber ein großer Teil auch nicht. Im Rahmen unserer Hausbesuche werden wir versuchen, die älteren Menschen zu aktivieren, die Angebote der Wohnungsbaugesellschaft zu nutzen und der Wohnungsbaugesellschaft anonymisierte Informationen bzgl. der Bedarfe und Motivationen geben. In starken regionalen Netzwerken können so alle Beteiligten profitieren. Dies ist eine Kooperationsmöglichkeit in Wilhelmshaven, weil es hier große Wohnungsbaugesellschaften gibt. Dieses Modell würde auf dem Land in dieser Form nicht möglich sein. Regionale Gegebenheiten und kommunale Angebote spielen somit eine große Rolle. Auch Sprache spielt eine große Rolle, mit dem Wort „Sport“ verbinden ältere Menschen oft leistungsorientierten Sportunterricht, viel besser ist es von „Bewegung“ zu sprechen und gezielt Impulse zu geben. Was ich damit sagen möchte: Es ist also auch wichtig, eine zielgruppenspezifische Sprache zu verwenden.

3. Sie haben eben beschrieben, dass der Fokus ihres Projektes auf der Aktivierung der Menschen liegt. Inwieweit spielt dabei das Konzept des Empowerments - also die Stärkung individueller und gemeinsamer Kompetenzen der Menschen - eine Rolle?

Ich glaube, ich habe schon deutlich gemacht, dass ich dies sehr wichtig finde. Das ist für mich auch eine Grundvoraussetzung für Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Präventionsangeboten. Dies gehört zu unserem Selbstverständnis. Nur dann können wir tatsächlich etwas bewirken. Das kann verschiedene Bereiche betreffen, je nachdem was gerade für einen einzelnen Menschen aktuell ist. Es kann aber auch so etwas wie eine Gruppenentscheidung sein. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben in einigen Regionen die Situation, dass sich viele Menschen, die isoliert in ihren Wohnungen sitzen, gar nicht trauen, ein Kursangebot bei der Volkshochschule oder bei der Kirchengemeinde zu besuchen, weil sie so etwas seit Jahren nicht mehr gemacht haben. Diese Menschen kennen aber jetzt die Beraterin oder den Berater der AOK, zu dem sie in der Beratung Vertrauen aufgebaut haben. Die Beraterin oder der Berater initiiert ein Angebot, z. B. mit einer Netzwerkpartnerin oder -partner und begleitet dieses Angebot, damit alle den Mut haben, sich zu treffen. Im Rahmen dieser Präventionsangebote, bei denen sich Menschen getroffen hatten, die sich ja zuvor gar nicht kannten, haben die Teilnehmenden dann gemeinsam - weil es ihre Idee war - zum Beispiel eine morgendliche Telefonkette organisiert. Sie rufen sich nun alle gegenseitig an und schauen, ob alles okay ist. Das ist eine Art Schutz- und Kommunikationssystem für sie. Zudem findet nun jeden Sonntagnachmittag eine Spaziergruppe statt. Auch diese Idee ist aus der Gruppe heraus entstanden. Die aktivierenden Gruppenangebote sind eine Art Brücke zu den Angeboten unserer Netzwerkpartnerinnen und -partner in den Regionen.

Ich glaube, dass bei älteren Menschen sehr viele Ressourcen vorhanden sind. Wir müssen es nur zulassen, dass die älteren Menschen selbst Ideen entwickeln. Wir schaffen die Rahmenbedingungen. Wir können Impulse geben, das Angebot initiieren bzw. vermitteln. Aber die Entscheidungen treffen die älteren Menschen selbst. Damit das gelingt, müssen die Berater ein hohes Maß an Wertschätzung und Vertrauen in die Kompetenzen der älteren Menschen als Beratende haben. Unsere Beraterinnen und Berater haben eine sehr wertschätzende Haltung bezüglich der Menschen, die sie beraten - egal aus welcher sozialen Schicht sie kommen, wie viel Geld sie oder welche Vita sie haben. Eine gute Beraterin oder ein guter Berater muss auch die Gabe haben, nicht auf jede Fachscholle, die ihr/ihm begegnet, aufzuspringen und vermeiden, stetig sein Wissen belehrend zur Verfügung zu stellen. Die Lösungen und die Ideen sollen von der- oder demjenigen ausgehen, der beraten wird. Nur dann kann nachhaltig etwas erreicht werden. Dann kann der Berater gezielt an der einen oder anderen Stelle einen fachlichen Input geben.

4. Sie haben jetzt schon viele Faktoren genannt, wie eine zielgruppen- und bedarfsausgerichtete Angebotsgestaltung aussehen kann. Auf welche hemmenden Faktoren treffen Sie in Ihrer Arbeit?

Herausforderungen stellen sich immer wieder aufs Neue. Beispielsweise gab es eine Phase, in der die Verbraucherberatungsstelle warnte, dass ältere Menschen zum Zwecke betrügerischer Aktivitäten angerufen werden. Da hatten wir ernsthafte Probleme mit der Terminierung unserer präventiven Hausbesuche per Telefon. Wenn Menschen stetig gewarnt werden, wie soll man da als älterer Mensch unterscheiden, was seriös ist und was nicht? Da kann dann jeder sagen, er ruft von der AOK an oder von der Stadt. Wir haben darauf reagiert und kündigen jeden unserer Anrufe mit einem Brief an, natürlich mit einen AOK Logo, einer Ansprechpartnerin oder einem Ansprechpartner und Flyer, der über dieses Angebot informiert. Die Frage ist immer, wie ich es schaffen kann, dass unsere Zielgruppe Vertrauen zu dem Angebot entwickelt. Das ist sehr wichtig.

Ein anderes Hemmnis betrifft auch die finanziellen Teilhabechancen. Wenn es darum geht, Impulse zur Aktivierung zu setzen, dann spielt die finanzielle Situation eine wichtige Rolle. Bei manchen ist schon das Busgeld, das benötigt wird, ein Hindernis, um zu einem Angebot zu gelangen. Das muss berücksichtigt werden. Dies war beispielsweise vor kurzem ein Thema in der Region Verden in der Nähe von Bremen. Da gab es eine interessante Idee: "Heigln". Jeden Tag findet draußen an einem Ort Bewegung statt. Keiner braucht sich umziehen. Jeder kann in Straßenbekleidung hingehen. Man braucht sich nirgends anmelden. Wenn man Lust hat, geht man hin. Für viele Menschen sind schon Sportschuhe zu teuer. Das Geld ist knapp. Viele Menschen wollen sich einfach nur unverbindlich draußen treffen und sich in normaler Kleidung gemeinsam bewegen. Mit „Heigln“ geht das, vor allem wenn es im Lebensumfeld angeboten wird.

Bei weiteren Fragen zum Angebot kontaktieren Sie gerne Frau Martina Dieckmann

AOK - Die Gesundheitskasse Niedersachsen
Hooge Riege 24
26506 Norden
Tel.: 04931 1808-61600
Fax: 0511 28533-61600
Mail: Martina.Dieckmann(at)nds.aok.de
Web: www.aok-niedersachsen.de