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Betreute Urlaube der Alzheimer Gesellschaft

„Gemeinsame Auszeiten schaffen“ – Betreute Urlaube für Menschen mit Demenz und deren Angehörige

Waltraud Dambrowski (72 Jahre) leistet einen unersetzlichen Beitrag in der häuslichen Betreuung und Pflege ihrer an Demenz erkrankten Mutter. Um neue Kraft zu schöpfen und gleichzeitig Impulse zur Erleichterung des Pflegealltags zu bekommen, entschied sie sich für einen „Betreuten Urlaub“ über die Alzheimer Gesellschaft Brandenburg e. V. Selbsthilfe Demenz und war begeistert.

1. Berichten Sie zu Beginn einmal von sich und ihrer (familiären) Situation als pflegende Angehörige.

Ich lebe gemeinsam mit meiner Mutter auf einem Grundstück. Ich selbst bin geschieden, sie ist bereits seit zehn Jahren verwitwet. Bis vor drei Jahren lebten wir beide weitgehend unabhängig voneinander, führten jeweils unseren eigenen Haushalt, jede kaufte für sich ein und erledigte ihre täglichen Aufgaben. Mit dem Fortschreiten der Demenzerkrankung meiner Mutter änderte sich dieser Zustand innerhalb der drei Jahre deutlich. Inzwischen kümmere ich mich sehr intensiv um sie, da sie meist keinen Bezug mehr zur Realität hat und sehr viel Aufmerksamkeit benötigt. Tagsüber bin ich die meiste Zeit bei ihr und gehe nur noch zum Schlafen in meine Wohnung.

2. Wie sind Sie auf das Angebot „Betreute Urlaube“ aufmerksam geworden und was hat Sie dazu bewogen, das Angebot für sich und ihre Mutter in Anspruch zu nehmen?

Erstmalig wurde ich durch eine Veranstaltung, die hier bei uns im Nachbarort stattfand, auf die Alzheimer Gesellschaft Brandenburg e. V. Selbsthilfe Demenz aufmerksam. Eine Dame hielt dort einen Vortrag zum Thema Demenz. Ich nahm teil, da die Demenz meiner Mutter zu diesem Zeitpunkt bereits so weit vorangeschritten war, dass ich mich mehr und mehr mit der Krankheit auseinandersetzen wollte und musste. Dort wurde auch die Schulungsreihe „Hilfe beim Helfen“ vorgestellt, an der ich einige Wochen später teilnahm. Wir erfuhren viel Wissenswertes und vor allem der Austausch mit den anderen Teilnehmern hat mir geholfen. Aus der Schulung heraus gründete sich eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige, der ich mich anschloss. Dort lernte ich eine Frau kennen, die mir von dem Angebot des „Betreuten Urlaubes“ erzählte.  So ist dann alles ins Rollen gekommen.

In den letzten Jahren habe ich wenig Urlaub gemacht. Das war dann mal höchstens eine Woche pro Jahr. In dieser Zeit kam meine Tochter zu uns und betreute meine Mutter. Sie macht das gerne, ist aber privat auch sehr eingebunden und hat wenig Zeit. Aus diesem Grund kam mir das Angebot der Betreuten Urlaube sehr gelegen. Allerdings war ich anfangs skeptisch und hatte die Befürchtung, dass sich meine Mutter nicht wohlfühlen wird. Sie für solche Dinge zu motivieren, ist nicht leicht. Aber dann dachte ich mir: Das probieren wir mal aus und man kann ja jederzeit abbrechen, wenn es wirklich nicht funktioniert. Als wir letztlich da waren, sind alle Zweifel verflogen. Es war vom ersten Moment an einfach sehr schön!

3. Können Sie beschreiben, wie sich Ihr Urlaub gestaltet hat? Wohin ging die Reise, wie lang waren Sie unterwegs und welche Unternehmungen wurden angeboten?

Wir waren eine Gruppe von zwanzig Reisenden, also zehn Familien. Darunter waren viele Ehepaare, aber auch befreundete Paare oder Tochter bzw. Sohn mit einem erkrankten Elternteil, so wie wir. Unser Hotel lag im UNESCO-Biosphärenreservat in der Spreewaldgemeinde Burg. Da ich selbst ein Auto habe und der Weg von unserem Wohnort nicht weit ist, bin ich mit meiner Mutter eigenständig angereist. Anderenfalls hätte uns die Alzheimer Gesellschaft Brandenburg e. V. bei der Reiseorganisation auch unterstützt.
Beim Ankommen wurden wir von den Fachkräften und Helferinnen und Helfern mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken in Empfang genommen, um uns in Ruhe kennenzulernen. Das war sehr gut organisiert und wir hatten das Glück, dass die Chemie zwischen der für uns zuständigen Betreuerin und meiner Mutter auf Anhieb gestimmt hat.

Innerhalb der zehn Tage gab es viele Angebote, die entweder von den Paaren gemeinsam oder von den Angehörigen separat genutzt werden konnten. Die Betreuenden standen sowohl im Rahmen dieser Angebote als auch während der Mahlzeiten zur Verfügung und haben sich auf Wunsch auch allein um die Erkrankten gekümmert, sodass wir als Angehörige Zeit für uns hatten. Was ich persönlich großartig fand, war, dass es für Angehörige die Option gab, an einem Präventionskurs mit Rückengymnastik und Entspannung teilzunehmen. Einen Großteil der Kosten konnte man sich anschließend von seiner Krankenkasse zurückerstatten lassen.

Auch sehr schön waren das tolle Frühstücks- und Abendbuffet sowie die Möglichkeit, sich täglich bei Kaffee und Kuchen in der Gruppe auszutauschen. Am Abend gab es nach dem Essen immer ein Programm mit Musik und/oder Tanz. Einmal war eine Alleinunterhalterin da, die in der typischen Spreewaldtracht etwas vorgetragen hat. Am letzten Abend wurde von den Betreuenden ein wirklich schönes Oktoberfest organisiert. Man hat einfach gemerkt, dass sich viel Mühe gegeben wurde.

4. Die „Betreuten Urlaube“ zielen auch darauf ab, dass Teilnehmende Kompetenzen in der Bewältigung der häuslichen Pflegesituation und/oder zur Inanspruchnahme weiterer Hilfs- und Unterstützungsangebote erlangen. Konnten Sie etwas für Ihren Alltag mitnehmen?

Durch die Erfahrung, dass sich meine Mutter auch innerhalb einer Gruppe wohlfühlen kann und doch gerne ab und an unter Leuten ist, habe ich den Mut gefasst, sie einmal wöchentlich in eine Tagespflege zu geben. Bis dahin habe ich sehr wenig Unterstützung in Anspruch genommen, nur in Notfällen, wenn ich einmal einen wichtigen Weg zu erledigen hatte. Der Urlaub über die Alzheimer Gesellschaft Brandenburg e. V. Selbsthilfe Demenz hat mir dahingehend die Augen geöffnet, dass es viele Möglichkeiten zur Unterstützung gibt und in den Gesprächen mit den Betreuenden wurde mir klar, dass es nur richtig ist, diese auch in Anspruch zu nehmen. Seither geht es mir und meiner Mutter besser. Ich habe Zeit, auch mal Dinge nur für mich zu machen und ihr bekommt der Umgang mit anderen Leuten und die Gesellschaft sichtlich gut.

5. Inwiefern haben sich Ihre Erwartungen an das Angebot erfüllt bzw. nicht erfüllt? Würden Sie noch einmal einen „Betreuten Urlaub“ machen?

Ich wollte einfach eine schöne Zeit für uns Beide erleben. In der Hoffnung, dass dies gelingt, haben sich meine, zugegeben geringen, Erwartungen zu hundert Prozent erfüllt. Genau genommen war es sogar besser als ich dachte (lacht). Und ja, ich würde es noch mal machen. Unbedingt.

6. Würden Sie einen „Betreuten Urlaub“ weiterempfehlen? Wenn ja, für wen eignet sich das Angebot insbesondere? Wie waren Ihre Erfahrungen bzgl. der Kosten und Finanzierung?

Auch wenn eine Demenz sehr unterschiedlich verläuft und sich bei jedem Menschen individuell äußert, so würde ich einen „Betreuten Urlaub“ dennoch zunächst allen Demenzerkrankten und ihren Angehörigen empfehlen. Ich denke, dass es vor allem für die Angehörigen die, so wie ich zuvor, keine anderen Möglichkeiten genutzt haben, eine wunderbare Erfahrung sein kann. Durch das Angebot lässt sich herausfinden, wie es ist, wenn sich jemand kümmert und man einfach sagen kann: „Nun kann ich auch mal in Ruhe etwas für mich selbst machen.“

Bei der Bezahlung und Rückerstattung der Kosten hatte ich keine Probleme. Die Alzheimer Gesellschaft Brandenburg e. V. sendete mir nach erfolgreicher Anmeldung postalisch alle wichtigen Informationen und Unterlagen zu. So erhielt ich vor Reiseantritt die Auskunft darüber, dass ich einerseits für Unterkunft sowie die Verpflegung, Ausflüge und Fahrtkosten selbst aufkommen und andererseits die Rückerstattung der Kosten des Präventionskurses bei meiner Krankenkasse, sowie die Pflege- und Betreuungskosten über die Pflegeversicherung beantragen muss. Hierfür waren bereits vorgedruckte Briefe beigelegt. Diese musste ich nach dem Urlaub nur noch ausfüllen, die Rechnungen beilegen und absenden.

7. Gibt es etwas, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Es hat mich sehr berührt, als meine Mutter auf der Heimreise immer wieder sagte, dass es ihr gefallen hat. Am letzten Tag des Urlaubes lag für jedes Paar auf seinem Platz am Frühstückstisch ein Gruppenfoto von allen Mitreisenden und Betreuenden. Als wir wieder zu Hause waren, habe ich mir immer mal wieder mit meiner Mutter das Foto angeschaut und da hat sie gestrahlt und konnte sich zum Teil gut an einzelne Personen erinnern.