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Mangelernährung bei älteren Menschen besser erkennen

Dr. Nicolas Fabian Graeb hat in seinem Dissertationsprojekt ein hohes Risiko von Mangelernährung und Muskelabbau bei geriatrischen Patienten und Patientinnen ermittelt. Ernährungsstatus und -entwicklung werden dabei bislang in den Kranken­häusern kaum erfasst, so dass während und nach dem Klinikaufenthalt nicht adäquat interveniert bzw. wiederaufgebaut wird.

In mehreren Erhebungen wertete Graeb mit einem Forschungsteam zum einen Routinedaten aus der Altenpflege von Bewohnern und Bewohnerinnen mit mindestens dreitägigem Krankenhausaufenthalt aus. Es sollte so ermittelt werden, wie sich das Körper­gewicht im Zusammenhang mit der akut-stationären Behandlung verändert. Zum anderen erhob das Forschungsteam auf mehre­ren Stationen in zwei Kliniken Daten zum Ernährungsmanagement, dem Ernährungszustand der älteren Patientinnen und Patien­ten, deren Essverhalten und erfolgten Ernährungstherapien. Zu guter Letzt maßen sie in einer kleinen Stichprobe auf denselben Stationen unter anderem die Körperzusammensetzung und den Muskelstatus zu Beginn des Klinikaufenthaltes und kurz vor Entlas­sung. Ziel war es herauszufinden, wie der Muskelstatus der geriatrischen Patientinnen und Patienten ist und ob weitere Muskelmasse im Verlauf verloren geht.

Es zeigte sich, dass bereits bei Aufnahme viele Personen ein Mangelernährungsrisiko aufweisen und der Anteil bis zur Entlassung weiter zunimmt, von 36,2 % auf 48,6 %. Häufig wird in einem relativ kurzen Zeitraum erheblich an Gewicht verloren, 21,9 % verlieren mindestens fünf Prozent ihres Körpergewichtes. Hiervon sind auch übergewichtige Patientinnen und Patienten betroffen. In der Folge erhöht sich das Mortalitätsrisiko. Der schlechte Ernährungszustand wird aber nur selten erkannt. Gleichzeitig wird auch eine geringe Nahrungszufuhr in der Klinik selten bemerkt, entsprechende Interventionen finden kaum statt und erreichen auch nicht unbedingt die Betroffenen. Es zeigt sich in allen Datenanalysen ein Zusammenhang mit der Dauer des Klinikaufent­haltes. Anhand der Analyse der Körperzusammensetzung wird deutlich, dass fast zwei Drittel der Älteren bei Aufnahme ins Kranken­haus bereits einen kritisch reduzierten Muskelstatus aufweisen. Im Verlauf verliert fast die Hälfte der untersuchten Perso­nen mindestens ein Kilogramm Muskelmasse, Frauen weisen dabei ein höheres Risiko auf.

Die Daten zeigen, dass selbst in den kurzen Zeiträumen der akut-klinischen Versorgung bei älteren Patientinnen und Patienten häufig ein erheblicher Gewichtsverlust eintritt. Gleichzeitig ist der Ernährungszustand auch schon bei Einweisung oftmals reduziert, was aber aufgrund der fehlenden oder nicht zuverlässig durchgeführten Mangelernährungsscreenings selten erkannt wird. So sind gezielte Interventionen kaum möglich und erfolgen eher zufällig bzw. vermutlich auch personenabhängig. Es ist daher erforderlich das Ernährungsmanagement in den Kliniken besser zu organisieren, angefangen beim Risikoscreening, über strukturierte Interven­tions­konzepte bis hin zum Entlassmanagement. Hierfür sind eine gute interprofessionelle Kooperation und eine allgemeine Sensi­bi­li­­sierung für die Problematik grundlegend. Eingeleitete Therapien müssen auch nach Entlassung fortgeführt werden, ein beson­deres Augenmerk sollte hierbei auf den Wiederaufbau von Muskelmasse und Kraft gelegt werden, um bei den älteren Menschen Mobilität und damit Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten. Zudem sollte über alle Settings eine Mangelernährung möglichst früh erkannt und am besten weitestgehend vorgebeugt werden. Hierfür ist es erforderlich Probleme wie Kau- und Schluckschwierig­keiten, Vereinsamung, Medikamentennebenwirkungen und Appetitverlust aus anderen Gründen möglichst frühzeitig zu registrieren und entsprechend zu intervenieren. In den Einrichtungen, sowohl im Krankenhaus als auch der Langzeitpflege, müssen vor allem ein bedürfnisgerechtes Nahrungsangebot, eine bedarfsgerechte Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme und die interprofes­sionelle Kooperation zwischen Pflege, Medizin, Ernährungsberatung und Hilfskräften verstärkt in den Mittelpunkt gestellt werden.

Daten der Dissertation
Nicolas Fabian Graeb: Veränderungen des Ernährungsstatus bei geriatrischen Patient*innen im Zusammenhang mit einer stationären Behandlung. 2023. Esslingen/Schwäbisch Gmünd.

Veröffentlichungen zu den Teilstudien

  • Graeb F, Wientjens R, Wolke R, Essig G (2020): Veränderungen des Ernährungsstatus geriatrischer PatientInnen während der stationären Krankenhausbehandlung. Aktuelle Ernährungsmedizin, 45(1), S. 16-24. doi.org/10.1055/a-0942-9070
  • Graeb F, Wolke R, Reiber P (2021): Gewichtsverluste und Mangelernährungsrisiko bei geriatrischen PatientInnen. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 54(8), S. 789-794. doi.org/10.1007/s00391-021-01900-z
  • Graeb F, Reiber P, Wolke R (2021): Malnutrition risk in obese geriatric patients? A routine data based analysis for patients living in nursing homes. Ernährungs Umschau, 68(5), S. 95–101.
  • Graeb F, Wolke R (2021): Malnutrition and Inadequate Eating Behaviour during Hospital Stay in Geriatrics - An Explorative Analyses of NutritionDay Data in Two Hospitals. Nurs. Rep.,11(4), S. 929-941. doi.org/10.3390/nursrep11040085
  • Graeb F, Wolke R (2021): Mangelernährung bei geriatrischen Patient*innen: Risikofaktor stationäre Langzeitpflege? HeilberufeScience, 12(3-4), S. 58-66. https://doi.org/10.1007/s16024-021-00353-z
  • Graeb F, Manegold C, Rein J, Wolke R (2022): Reduzierter Muskelstatus und Muskelabbau bei geriatrischen Patient*innen. Aktuelle Ernährungsmedizin, 47(1), S. 15-25. https://doi.org/10.1055/a-1528-7018

Zitiert nach einer Pressemitteilung der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd vom 11.12.2023

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