8. Bundeskonferenz „Gesund und aktiv älter werden“: Impulsvorträge und Podiumsdiskussion
Impulsvorträge
Welche Risikofaktoren für Demenz gibt es? Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es? Wie trifft das Gehirn Entscheidungen und was bedeutet dies für Präventionsansätze? Wie kann Prävention in der Praxis gelingen? Auf diese und weitere Fragen gingen die drei Impulsvorträge ein.
Vortrag 1: Prävention der Alzheimer-Demenz – Welche Ansätze gibt es?
Professor Dr. Frank Jessen (Direktor, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie; Uniklinik Köln, Medizinische Fakultät)
Was ist die Grundlage der Alzheimer-Demenz und wie kann man präventiv vorgehen? Diesen Fragen widmet sich der Vortrag. Konkret wird die Alzheimer-Krankheit erklärt, deren letzten Phase die Alzheimer-Demenz ist. Es werden Einflussfaktoren der Entstehung und Ansätze der Risikoreduktion diskutiert. Neben der Primärprävention sind die Feststellung individueller Risikofaktoren und die Frühdiagnostik die wesentlichen Grundlagen effektiver Maßnahmen zur Verzögerung des Krankheitsverlaufs. Strategien zur Risikoreduktion umfassen multimodale Interventionen und Lebensstiländerungen. Bei dem Nachweis einer Alzheimer-Krankheit im frühen symptomatischen Stadium sind erste Medikamente zur kausalen Behandlung zugelassen. In dem Vortrag wird kurz auf die Wirksamkeit dieser neuen Therapien und auf die aktuelle Bewertung durch das IQWiG und den Gemeinsamen Bundesausschuss eingegangen.
Prof. Dr. med. Frank Jessen ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Uniklinik Köln und Arbeitsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Früherkennung, Therapieentwicklung und Prävention bei der Alzheimer-Krankheit. Er ist der Koordinator der S3-Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung von Demenz für die Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Er ist ferner im Vorstand des Deutschen Netzwerks Gedächtnisambulanzen (DNG) undVorsitzender des European Alzheimer Disease Consortium (EADC).
- "Viele Risikofaktoren für Demenz sind die gleichen wie bei anderen Alterserkrankungen. Es gibt aber auch spezifische wie soziale Isolation, Hörenminderung und chronische Schlafstörungen."
- "Die Erkennung von Risikofaktoren und die Frühdiagnostik sind Grundlagen der Demenz-Prävention."
Vortrag 2: Kognitive Einschränkungen / Demenz? Was dann? Prävention als individuelle und gesellschaftliche Aufgabe (auch) über den gesamten Krankheitsverlauf
Professor Dr. René Thyrian (Leiter der AG interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen am Deutschen Zentrum für neurogenerative Erkrankungen)
Präventionsbemühungen enden nicht, wenn eine kognitive Einschränkung oder eine Demenz diagnostiziert ist. Ab diesem Zeitpunkt und in Abhängigkeit von der individuellen Entwicklung rücken jedoch andere Zielparameter in den Vordergrund. Es gibt überzeugende Evidenz, dass Prävention von Pflegebdürftigkeit und Prävention von gesundheitlichen Problemen (pflegender) An- und Zugehörigen möglich ist. Multimodale Interventionen scheinen hier erfolgreich zu sein. Wirksame Interventionen werden jedoch häufig nicht, oder nur unzureichend in der Versorgung und Gesellschaft umgesetzt. Was sind hier die Barrieren? Wer spielt hier welche Rolle? Was wäre perspektivisch nötig und realistisch machbar?
Prof. Dr. René Thyrian hat eine Professur für interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen an der Universitätsmedizin Greifswald und leitet die AG interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen am Deutschen Zentrum für neurogenerative Erkrankungen (DZNE). Er ist Mitglied im Vorstand von Alzheimer Europe und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.
- "Wenn wir an Prävention denken, ist Prävention von Pflegedürftigkeit ein wichtiger Aspekt – hier spielen auch psychische und gesundheitliche Probleme, soziale Inklusion und Teilhabe eine wichtige Rolle, für das gesamte soziale Umfeld ."
- "Jeder einzelne kann in allen Phasen seines Lebens etwas tun, es ist aber genauso die Pflicht der Gesellschaft speziell des Gesundheitssystems, dies zu ermöglichen und zu unterstützen.“
Vortrag 3: „Prävention, Lebensstil und warum wir nicht (immer) tun, was wir richtig finden“
Professorin Dr. Daniela Berg (Direktorin der Klinik für Neurologie Kiel, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie)
Trotz aller Evidenz werden Gehirngesundheit förderliche Lebensstilmaßnahmen zu wenig umgesetzt. Neben sozio-ökonomischen und politischen Aspekten, die die Einbindung zahlreicher Akteure, darunter Gesundheitssysteme, politische Entscheidungsträger, die Wirtschaft, Bildungseinrichtungen und die Medien erfordern, kann und muss jede/r Einzelne durch bewusste Gestaltung des Lebensstils beitragen. Erkenntnisse über die Signalverarbeitung unseres Gehirns und dessen Beeinflussung durch Evolution, Erziehung und Tagesgestaltung können zu einem Verständnis „warum wir nicht (immer) tun, was wir richtig finden“ beitragen und so eine Akzeptanz eines längeren Weges der Verhaltensänderung durch Geduld, Verständnis und Hilfen für die Entscheidungsfindung liefen. Dies kann schlussendlich zu nachhaltiger Lebensstiländerung verhelfen.
Prof. Dr. Daniela Berg ist Klinikdirektorin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Leiterin der Arbeitsgruppe "Früherkennung Parkinson, Biomarkerforschung und klinische Studien" an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Schwerpunkte ihrer derzeitigen wissenschaftlichen Arbeit sind die Identifikation von Markern, welche eine Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen, v.a. der Parkinsonerkrankung und Demenzerkrankungen, und eine Beurteilung des neurodegenerativen Prozesses (Progressionsmarker in klinischer und präklinischer Phase der Erkrankung) erlauben.
- "Aktuell gibt es kein Medikament, das auf so viele verschiedene Krankheitsmechanismen bei Demenzen eine positive Auswirkung hat wie ein bewusster, gesunder Lebensstil, was körperliche Aktivität, Ernährung, Schlaf und den Umgang mit Stress anbelangt."
- "Ein Verständnis über die Signalverarbeitung unseres Gehirns kann beitragen zu verstehen, warum wir alle nicht (immer) das tun, was wir richtig finden – beispielsweise eher eine Tüte Chips als einen Apfel essen. Dies kann schlussendlich zu nachhaltiger Lebensstiländerung führen."
Podiumsdiskussion
Auf der Podiumsdiskussion diskutierten
- Professor Dr. Frank Jessen (Direktor, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie; Uniklinik Köln, Medizinische Fakultät),
- Professor Dr. René Thyrian (Leiter der AG interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen am Deutschen Zentrum für neurogenerative Erkrankungen),
- Professorin Dr. Daniela Berg (Direktorin der Klinik für Neurologie Kiel, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie),
- Prof. Dr. Dr. Svenja Caspers (Prodekanin für Lehre und Studienqualität & Direktorin Institut für Anatomie des Universitätsklinikums Düsseldorf & der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Arbeitsgruppe Konnektivität am Institut für Neurowissenschaften und Medizin im Forschungszentrum Jülich) und
- Christian Heerdt (Wissenschaftlicher Leiter, Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA))
die Frage, wie das vorhandene Wissen zur Demenzprävention in konkretes Handeln überführt werden kann.
Zentrale Erkenntnisse
- Die Kommunikation sollte sich stärker an Ressourcen und Gesunderhaltung orientieren, statt defizit- oder krankheitszentriert zu sein.
- „Hirngesundheit“ als positiver, aktivierender Begriff erhöht die Anschlussfähigkeit in der Bevölkerung und schafft Aufmerksamkeit in allen Altersgruppen.
- Erfolgreiche Präventionskommunikation erfolgt in Stufen:
- Awareness schaffen, auch im Sinne von Bewusstsein für die eigene Selbstwirksamkeit
- Konkrete Interventionsangebote bereitstellen
- Erfolgsfaktoren für Aufklärung:
- Einsatz von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren
- Alltagsnahe Ansprache
- Personalisierte Inhalte
- Nutzung digitaler Zugänge
- Gesundheitsverhalten ist kulturell geprägt, aber veränderbar. Die erfolgreiche Entwicklung beim Thema Herzgesundheit oder der Rückgang des Zigarettenkonsums sind gute Vorbilder.
- Effektive Prävention erfordert lebensphasenübergreifende Ansätze und eine stärkere Verzahnung von Prävention, Diagnostik und Versorgung.
- Hausärztinnen und Hausärzte spielen eine Schlüsselrolle in der Demenzprävention.
- Wissenschaftliche Grundlagen und Daten zur Demenzprävention sind zwar vorhanden (z. B. bei Krankenkassen), sind aber bislang unzureichend nutzbar. Neue gesetzliche Rahmenbedingungen (z. B. das Gesundheitsdatennutzungsgesetz) könnten zu einer besseren Verzahnung unterschiedlicher Sektoren beitragen.
- Prävention muss politisch langfristig gedacht werden (z. B. durch Steuern, Verhältnisprävention).
- Prävention ist besonders wirksam, wenn mehrere Risikofaktoren gleichzeitig adressiert werden.
- Prävention ist vielfältig und umfasst ein breites Spektrum (biomarkerbasierte Frühdiagnostik, individuelle Interventionen, bevölkerungsbezogene Strategien).
- Nachhaltigkeit entsteht durch:
- langfristige Verhaltensänderungen
- aktive Einbindung der Betroffenen
- Förderung von Selbstmanagement und Eigenverantwortung
- Früherkennung ist nur sinnvoll, wenn sie handlungsleitend ist und sich eine Versorgungskette daraus ableitet.
Fotos: © Oliver Wachenfeld











