Diagnose Demenz: Erfordernisse an Früherkennung und Prävention von Pflegebedürftigkeit
Demenzen sind nicht heilbar, aber behandelbar. Wird eine Demenzerkrankung früh erkannt, stehen inzwischen verschiedene Therapieformen und Ansätze zur Verfügung, die den Krankheitsverlauf verlangsamen, Symptome lindern und Pflegebedürftigkeit hinauszögern können.
Dieses Forum widmete sich verschiedenen Fragen der Früherkennung von Demenz und der Bedeutung einer Lebensstiländerung auch noch zu diesem Zeitpunkt. Die Vorträge boten eine Übersicht zu strukturellen Voraussetzungen im Gesundheitswesen, innovative Diagnoseverfahren, personalisierte Versorgungsansätze sowie Herausforderungen im Kontext früher Diagnosestellung. Zudem wurden zwei ambulante Projekte vorgestellt, die eine Früherkennung von Demenz mit einem Versorgungsansatz kombinieren.
Moderiert wurde das Forum von Christian Heerdt, wissenschaftlicher Leiter des Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA).
Vortrag 1: Früherkennung in der Routineversorgung – Diskussionspunkte
Prof. Dr. René Thyrian (Leiter der AG interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen am Deutschen Zentrum für neurogenerative Erkrankungen)
Die möglichst frühzeitige Erkennung neurodegenerativer Erkrankungen stellt eine Herausforderung bei der Prävention dieser Erkrankungen dar. In der jüngsten Zeit machen Fortschritte in der Forschung Hoffnung, dass durch die Identifikation an der Pathogenese beteiligter Proteine plus Entwicklung von Antikörpertherapien Prävention perspektivisch schon effektiv vor dem Auftreten einer Symptomatik ansetzen kann. Darüber hinaus gibt es überzeugende epidemiologische Evidenz, dass das Auftreten einer neurodegenerativen Erkrankung auch durch andere Methoden vermeidbar oder deren Verlauf modifizierbar ist. Nicht zuletzt gibt es Ansätze der datengetriebenen Prävention, die vielversprechend bei der Identifikation von Menschen mit erhöhten Risiken sind. In allen Fällen ist eine valide und vor allen Dingen handlungsleitende Diagnostik notwendig und sinnvoll. Eine systematische Umsetzung präventiver Bemühungen bedarf jedoch vor allem auch der Diskussion (a) der Verfügbarkeit und Qualität von Daten zur Umsetzung von Prävention, (b) ethischer Aspekte der Ansätze symptomloser Frühdiagnostik und datengetriebener Prävention und nicht zuletzt auch (c) der Barrieren und förderlichen Bedingungen bei der wirksamen Umsetzung von Prävention.
Prof. Dr. René Thyrian hat eine Professur für interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen an der Universitätsmedizin Greifswald und leitet die AG interventionelle Versorgungsforschung mit Schwerpunkt neurodegenerative Erkrankungen am Deutschen Zentrum für neurogenerative Erkrankungen (DZNE). Er ist Mitglied im Vorstand von Alzheimer Europe und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.
Vortrag 2: Früherkennung zuhause – geht das? „DemStepCare Pfalzklinikum, ein Dementia Care Management zur aufsuchenden Versorgung von Menschen mit kognitiven Störungen
Dr. Fabian Fußer (Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Pfalzklinikum)
In der Früherkennung und Prävention dementieller Erkrankungen spielt die Primärversorgung eine zentrale Rolle. Dennoch werden kognitive Defizite häufig zu spät thematisiert, und Demenzdiagnosen werden aufgrund begrenzter Ressourcen nicht leitliniengerecht und oft verzögert gestellt – nicht selten erst mit dem Zusammenbruch der häuslichen Versorgung und einer damit verbundenen, oft vermeidbaren Hospitalisierung. Neben sektorübergreifenden Behandlungsformen konnte in sog. Stepped Care Programmen eine Verbesserung von Diagnostik, Behandlung und Versorgung von Menschen mit Demenz gezeigt werden. In dem vom Land Rheinland-Pfalz geförderten Projekt „DemStepCare Pfalzklinikum“ wird seit Oktober 2024 ein Dementia Care Management implementiert, welches in die bereits bestehenden sektorübergreifende Behandlungsformen im seit 2020 bestehenden Modellvorhaben nach §64b SGB V an der Klinik für Gerontopsychiatrie des Pfalzklinikums integriert wurde. Eine zentrale Rolle übernehmen hierbei spezialisierte Pflegefachkräfte, sog. Advanced Practice Nurses, die im häuslichen Umfeld neben der Anamnese bereits einen Großteil der Assessments durchführen und damit eine frühzeitige, niedrigschwellige Diagnostik ermöglichen. In Anschluss an ein interdisziplinäres Clearing koordinieren sie gezielt leitliniengerechte medizinische und therapeutische Interventionen sowie ergänzende Versorgungsangebote.
Dr. Fabian Fußer ist Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Pfalzklinikum in Klingenmünster. Er ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP).
Vortrag 3: Pflege neu denken: Strategie für eine alternde Gesellschaft
PD Dr. Andrea Budnick (Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem)
Schätzungen zufolge wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis zum Jahr 2030 auf über sechs Millionen Menschen ansteigen. Ihre medizinische und pflegerische Versorgung stellt das Gesundheits- und Pflegesystem, die Betroffenen und ihre Angehörigen vor große Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund gilt es, Ansätze zu finden, um die Nachfrage nach Pflegeleistungen zu reduzieren und die Pflegeprävention zu stärken. Im Vortrag wird ein Ansatz zum Erhalt der Selbständigkeit von Menschen mit beginnenden kognitiven Einschränkungen vorgestellt, mit dem Ziel, den Zustand der Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern.
Andrea Budnick leitet das Projekt „Prävention von Pflegebedürftigkeit durch Prevention Nursing“ am Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Versorgungsforschung m.S. Herz/Kreislauf an der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem.
Diskussionen
In Forum 3 wurde zunächst die begriffliche Abgrenzung von Früherkennung und Risikoidentifikation thematisiert. Dabei müsse stets geklärt werden, ob es um das Erkennen von Symptomen oder von Risikokonstellationen gehe. Ein flächendeckendes Screening der Bevölkerung werde derzeit nicht als sinnvoll erachtet. Stattdessen sei ein risikostratifiziertes Vorgehen angezeigt. In Bezug auf diagnostische Verfahren wurde darauf hingewiesen, dass aktuell vor allem Kurztests eingesetzt würden und künftig auch blutbasierte Biomarker an Bedeutung gewinnen könnten. Dies werfe die Frage auf, welche Konsequenzen sich aus erweiterten Diagnosemöglichkeiten ergäben. Es brauche verlässliche Strukturen, um Betroffene nach einem Screening angemessen zu begleiten und offene Fragen aufzufangen.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Organisation eines Demenz-Care- und Case-Managements. Bei dieser Aufgabe gehe es weniger um die institutionelle Zuständigkeit als vielmehr die Qualifikation und Systemkenntnis der handelnden Personen. Internationale Beispiele, z. B. aus Japan, zeigten, dass langfristig angelegte Begleitstrukturen möglich seien.
Kritisch diskutiert wurden zudem ethische und kommunikative Fragen. Dazu gehörte der Umgang mit diagnostischen Ergebnissen bei fehlenden Therapieoptionen sowie mögliche Auswirkungen auf die Betroffenen. Es wurde betont, dass es auch ohne Heilungsmöglichkeiten zahlreiche Ansätze zur Unterstützung gebe, etwa in der Versorgung, bei der Lebensgestaltung oder bei der Beeinflussung von Risikofaktoren. Allerdings würden Betroffene nach der Diagnose häufig unzureichend begleitet. Es bestehe Bedarf an besserer Vernetzung der beteiligten Fachbereiche sowie an stärkerer Einbindung der Perspektiven von Menschen mit Demenz. Interdisziplinäre Versorgungsstrukturen, etwa in spezialisierten Ambulanzen, könnten einen wichtigen Beitrag leisten, um Diagnostik, Beratung und Unterstützung besser zu verzahnen.
Im Forum wurde auch die Frage der Entwicklung, Finanzierung und Verstetigung aufsuchender und präventiver Versorgungsmodelle im ambulanten Bereich anhand der vorgestellten Modellprojekte diskutiert. Häufig würden auch positiv evaluierte Modellprojekte nicht in die Regelversorgung überführt. Für eine nachhaltige Implementierung wurde eine stabile und langfristige Finanzierungsgrundlage als entscheidend angesehen, z. B. durch die Anbindung an Krankenkassen oder kommunale Strukturen.
Fotos: © Oliver Wachenfeld









